17/02/14

Schönheit des Schreckens

Almut Lindes „Dirty Minimals“ im Kunstpalais Erlangen

von Friedrich J. Bröder
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Almut Linde, Ausstellungsansicht, Foto: Erich Malter

Almut Lindes „Dirty Minimals“ im Kunstpalais Erlangen

 In seinen „Duineser Elegien“ apostrophiert Rilke die Dialektik der Schönheit und beschwört „das Schöne als des Schrecklichen Anfang“. Almut Linde (*1965) übersetzt dieses lyrische Diktum in die bildende Kunst und radikalisiert die Schönheit, wenn sie ihre jüngsten Arbeiten jetzt unter dem Motto „Radical Beauty“ im Kunstpalais Erlangen zeigt. Denn ihr Video „Heiße Zelle“ entstand im Nuklearlabor in Erlangen, das einst zu Siemens gehörte und mittlerweile in dem deutsch-französischen Atomkonzern AREVA aufgegangen ist, und ihr graziles, an Neonfäden frei im Raum hängendes Mobile schuf sie aus Hüllen für Brennstäbe in Kernreaktoren. Nichts lässt auf den ersten Blick vom tödlichen Risiko ahnen, das diesen künstlerisch zweckentfremdeten Röhren innewohnt.

 

An diesen beiden Arbeiten lässt sich exemplarisch ablesen, was Almut Linde mit dem Begriff „Dirty Minimal“ meint: die Ästhetik des Schreckens transformiert das Grauen in schöne Bilder. Ihre negative Dialektik scheint erst in der künstlerischen Perspektive auf. So zeigt das Video „Heiße Zelle“ in einem gelb-orangenen Licht, wie es ähnlich Caspar David Friedrich in seinen romantischen Bildern eingefangen hat, die mechanischen Bewegungen eines Roboters im Nuklearlabor. Gesteuert wird er von einem Techniker, der wie ein Marionettenspieler die Anmut und natürliche Grazie der Bewegungen seiner Figuren nicht selbst schafft, sondern aus der Mechanik entstehen lässt. Dadurch gewinnt diese Videoarbeit eine ungeheuerliche Symbolik, visualisiert die unbekümmerte, spielerische Eleganz des Roboters doch die Ohnmacht des Menschen vor der Urgewalt der strahlenden Materie.

 

Nicht minder metaphorisch demonstrieren auch die weiteren, mit Fotografien, Bildern, Installationen und Objekten dokumentierten Interventionen der Künstlerin ihren Anspruch die gesellschaftlichen Bedingungen sozialer Verwerfungen so minimalistisch und scheinbar neutral zu zeigen, dass ihr negativer, ihr schmutziger Charakter sich dem Betrachter eher en passant vermittelt. Ob Almut Linde die sakrale Ästhetik von Schlachthöfen oder die Romantik gigantischer Umweltzerstörungen im Kohle-Tagebau zum Thema macht, sie bringt die Dinge zum Sprechen und stellt soziale Verhältnisse dar. Eine weitere Dimension zeigen diese Arbeiten, wenn die Künstlerin bewusst an klassische Vorbilder anschließt und Assoziationen beim Betrachter auslöst: eine aus groben Kohlebrocken ausgelegte Fläche erinnert an Malewitschs „Schwarzes Quadrat“, geometrisch angeordnete Salzkristalle auf dem Boden an Richard Longs Steinkreise. Und an die Schießübungen von Niki de Saint Phalle und Yves Klein sowie an Pollocks Action Paintings lässt die Bodenarbeit „Bullet Action Painting“ denken: brutal deformierte Alu-Platten mit ihren wie Rosenblüten aufgesprungenen, schartigen Einschuss-Kratern, die bei einem Manöver der Bundeswehr entstanden sind, bei dem die Künstlerin in einer künstlerischen Intervention mit großkalibrigen Geschossen auf die Metallplatten schießen ließ und damit die verheerende, ja tödliche Gewalt, aber auch die unglaubliche Präzision augenfällig machte, mit der die Granaten das Metall systematisch perforierten.

 

Ihre Kunst, sagt Almut Linde, führe sie dorthin, wo man eigentlich nicht hingeht, wo man wegschaut. Am Ende der Ausstellung steht der Besucher dann in einem Kellergewölbe wie in einem Verlies vor einer weißen Wand und hört nur den heiteren Singsang einer Mädchenstimme, die selbstvergessen Kinderlieder singt. Aber dann der Schock: ganz unten, knapp über dem Boden, ist in kleiner Schrift zu lesen, dass es die Stimme eines elfjährigen Mädchens ist, das an der deutsch-tschechischen Grenze von ihren Eltern an Sex-Touristen verkauft wird. „Eine andere Welt“ hat die Künstlerin diese wahrhaft schmutzige „Dirty-Minmal“-Arbeit betitelt, die aber nur ganz lapidar sagen will: Das ist keine andere Welt, das ist unsere Welt.            

Almut Linde: Radical Beauty.

Städtische Galerie Erlangen im Kunstpalais

Marktplatz 1, Erlangen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 16. März 2014.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hatje Cantz, Ostfildern 2014, 256 S., 39,80 Euro | ca 60 Franken.

 


 




Kunstpalais Erlangen