15/02/14

Sinnliche Kakophonie

Ross Birrell und David Harding haben die Kunsthalle Basel in einen synästhetischen Denk und Erinnerungsraum verwandelt

von Dietrich Roeschmann
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Ross Birrell, David Harding, Ursus Arctos Syriacus 1, 2014; Olinka Variations, 2012; Nancarrow Sky, 2014; Ursus Arctos Syriacus 2, 2014, Installationsansicht Kunsthalle Basel, Foto: Serge Hasenböhler
Ross Birrell und David Harding haben die Kunsthalle Basel in einen synästhetischen Denk und Erinnerungsraum verwandel

 

1999 feierte der Afro Cuban Jazz weltweit ein bemerkenswertes Revival. Anlass dafür war Wim Wenders Dokumentarfilm „Buena Vista Social Club“ über ein All-Star-Projekt, zu dem der US-Musiker Ry Cooder einige ehemalige, mittlerweile stark ergraute Größen der kubanischen Musikszene eingeladen hatte. Der melancholische Sound der Band und das Alter aller Beteiligten hinterliessen den Eindruck einer ungewohnt authentischen Performance, deren internationaler Erfolg sich aber auch einem anderen Umstand verdankte: Hier musizierten keine Exilkubaner in nostalgischer Erinnerung an vorgeblich bessere, vorrevolutionäre Zeiten, sondern Menschen, die Kuba nie verlassen hatten und mit Castro alt geworden waren. Ihre Songs klangen wie der Soundtrack einer in die Jahre gekommenen, aber trotz aller Probleme irgendwie glücklich verlaufenen Revolution und lieferten damit das Gegenstück zu den an Glamour, Showbiz und amerikanischem Patriotismus geschulten Versionen ihrer nach Miami geflohenen Landsleute. In ihrer Ausstellung „Winter Line“ in der Kunsthalle Basel setzen die schottischen Künstler Ross Birrell und David Harding diesen ideologischen Frontverlauf in ihrer raumfüllenden Videoinstallation „Guantanamera“ (2010) eindrücklich in Szene: zeitgleich und doch asynchron, liefern sich hier auf zwei Leinwänden ein kubanischer Castro-Anhänger und eine Castro-Gegnerin aus Miami eine Art Song Battle um die Deutungshoheit über José Martís Klassiker, der 1963 durch den linken Songwriter Pete Seeger zum Welthit geworden war.

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Ross Birrell and David Harding, Guantanamera, 2010; Mosaic for Xenakis, 2014, Installationsansicht Kunsthalle Basel, Foto: Serge Hasenböhler

In ihrer sinnlichen Kakophonie bildet die Arbeit „Guantanamera“ einen schlüssigen Einstieg in diese komplexe Schau, in der Birrell und Harding die Verschiebung von Grenzen anhand einer vielschichtigen Auseinandersetzung über das Verhältnis von Form und Idee, materieller und immaterieller Arbeit untersuchen. Was erzeugen die Hände eines israelischen und einer palästinensischen Bratschistin, die solo je ein und dieselbe Komposition Birrells interpretieren? Welche Bedeutungsschichten legt der Gesang vier mexikanischer Schülerinnen frei, die sich dem Chorwerk einer Nonne widmen, die im 17. Jahrhundert gegen die Unterdrückung von Frauen kämpfte? Ausgehend von Gilles Deleuzes Bild der „Falte“ im Barock, in dem der französische Philosoph eine Denkform und Arbeitsweise fasste, die permanenter Veränderung unterliegt, haben Birrell und Harding die Kunsthalle in einen synästhetischen Denk- und Erfahrungsraum verwandelt, in dem das intime Zusammenspiel von Musikern zur Folie historischer und gesellschaftlicher Debatten wird, die zugleich den Subtext und den Kontext dieser hypnotischen Arbeiten bilden.        

 

Ross Birrell, David Harding, Winter Line.

Kunsthalle Basel

Steinenberg 7, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Ur, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 30. März 2013.

 


 




Kunsthalle Basel