31/10/12

Erkundungen für die Präzisierung eines Gefühls für den Aufstand

Rebellisch, rastlos, verunsichert: Das Fotomuseum Winterthur entwirft ein Bild der „Jugend“.

von Florian Weiland
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Rebellisch, rastlos, verunsichert: Das Fotomuseum Winterthur entwirft ein Bild der „Jugend“.9651jungemenschen.jpg

Sie sind keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Die Pubertät ist die Zeit der Suche nach sich selbst. Die Jugendlichen leben in ihrer eigenen Welt, grenzen sich von den Eltern ab und machen eine Fülle neuer Erfahrungen: Partys, Alkohol, der erste Sex, Drogen. Das war früher nicht anders als heute. Oder doch? Das Fotomuseum Winterthur zeigt in seiner neuen Sammlungsausstellung fotografische Arbeiten aus den letzten fünf Dekaden, die sich mit dem Erwachsenwerden und der Jugendkultur – mitunter auch mit dem Kult um die Jugend – beschäftigen. Es ist ein gelungener Überblick. Die Fotografinnen und Fotografen wählen dabei unterschiedliche Herangehensweisen, sind mal hautnah dabei und stürzen sich munter mit ins Nachtleben oder geben sich betont distanziert. Dokumentarische Arbeiten stehen neben sehr persönlichen Aufnahmen, künstlerische Fotografien neben unverstellten Schnappschüssen aus der Szene. Einige der Kunstschaffenden gehören selbst der Zielgruppe an, andere sind längst erwachsen und werfen einen abgeklärten, auch wehmütig-sentimentalen Blick auf die Jugend. Modisch gesehen mag es zwar große Unterschiede zwischen den Jugendlichen von 2012 und denen von 1962 geben, in Winterthur aber überwiegen die Gemeinsamkeiten: die hier gezeigte Jugend sucht den Protest und die Rebellion – und erntet dafür von der älteren Generation zumeist wenig Verständnis.

Eine geile Zeit? Das auch, aber vor allem zeichnen sich die Heranwachsenden durch extreme Unsicherheit aus. Das wird in der 10-Kanal-Videoarbeit der beiden jungen Schweizer Nachwuchstalente Rico Scagliola und Michael Meier besonders deutlich. Die raumfüllende Installation ist die spektaku­lärste Arbeit, die in der Ausstellung zu sehen ist. In schnellem Wechsel, untermalt von gängigen Pophits, werden Bilder von Jugendlichen an die Wände geworfen. Die beiden Fotografen entführen uns in eine Welt voller Emotionen. Die Jugendlichen geben sich sexy und verführerisch – das richtige Styling spielt eine immens wichtige Rolle. Wir sehen sie in ihren Zimmern und begleiten sie auf ihre Partys, erleben sie schüchtern, vollkommen hemmungslos oder zugedröhnt. Dieser Blick lässt sich gut mit den Arbeiten von Nan Goldin vergleichen, die mit ihrer „Ballade der sexuellen Abhängigkeit“ in den Achtzigern ein ganz ähnliches Projekt verfolgte. Neben Goldin sind auch andere international bekannte Fotografen wie Nobuyoshi Araki, Alec Soth, Larry Clark und Paul Graham in der Ausstellung vertreten. Auch Pipilotti Rist darf nicht fehlen.

Ilse Frech portraitiert junge muslimische Frauen in den Pariser Banlieues und spricht von einer „paradoxen Identität“. Tobias Zielony wagt sich in die verrufenen Viertel von Marseille und entdeckt eine Welt voller Kriminalität und Gewalt. Roland Iselin und Nathan Beck stürzen sich, unabhängig voneinander, Mitte der 90er Jahre in das Zürcher Nachtleben. Auch Pietro Mattioli widmet sich der alternativen Szene Zürich. Seine 1977/78 entstandenen Aufnahmen sind ein Zeitdokument und wirken dennoch erstaunlich aktuell. Einen ganzen Raum darf Ari Marcopoulos bespielen. Seine Wandinstallation, bestehend aus 1200 schwarz-weißen Fotokopien im DinA 4-Format, zeichnet ein intimes Bild der amerikanischen Jugend. „Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten“, behauptet Sabrina Biro und legt in vier Vitrinen verschiedene Fotografien aus, deren Sinn sich erst im Zusammenspiel erschließt und den Betrachter zum freien Assoziieren einlädt. „Es stinkt der Mensch solang er lebt“, befindet Maya Rochat. Die 1985 geborene Schweizer Fotografin erkundet in einer Großaufnahme den von Pickeln übersäten Rücken eines Jugendlichen. Ein anderes Bild zeigt Bremsspuren auf dem Asphalt. Ein Zeichen für die gefährliche Selbstüberschätzung jugendlicher Autofahrer. Eine dritte Arbeit fragt: „Are you an animal too?“ und erinnert den Ausstellungsbesucher daran, dass auch er einmal jung war.

Junge Menschen: Set 9 aus der Sammlung.
Fotomuseum Winterthur

Grüzenstr. 44+45, Winterthur.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 10. Februar 2013.
Zeitgleich im Fotomuseum Winterthur: Amar Kanwar, Evidence. Bis 18. November 2013.
Fotomuseum Winterthur