31/12/13

Von der Suche nach der verschwindenden Zeit

Im Kunstmuseum Solothurn hält Manon Bellet die Flüchtigkeit des Seins fest

von Heidi Brunnschweiler
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Manon Bellet, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn, © Manon Bellet und Viktor Kollibàl

Im Kunstmuseum Solothurn hält Manon Bellet die Flüchtigkeit des Seins fest

 

Betritt man in diesen Wintertagen das Solothurner Kunstmuseum, wird man gleich zweimal vom Licht irritiert. Draussen reflektiert die Sonne stechend im Schnee. In Manon Bellets Ausstellung von Video- und Papierarbeiten „L'onde d'une ombre“ blendet das Neonlicht, sodass Nuancen der Materialität von Bildträgern und Zeichen nur schwer zu erkennen sind.

Das Werk von Bellet (*1979) wurde bisher vor allem mit Bezug auf Marcel Duchamps „infra-mince“ als Rückzug der manuellen Geste aus dem Formprozess und als Rückgabe von Eigenleben an Material und an physikalische Prozesse diskutiert. Die Ausstellung in Solothurn vermag durch das vereinheitlichende Licht den Blick auf mögliche übergeordnete Zusammenhänge dieser Haltung zu lenken. Die einzelnen Arbeiten werden hier, einer Art Gesamtkunstwerk gleich, zu Teilen eines sich ständig wandelnden Universums.

Einen Einstieg in den immerwährenden Zyklus gibt „1-2-3 Blind Territory“ aus dem Jahr 2013. Drei auf dem Boden liegende Bildschirme zeigen topologische Strukturen aus feinen Körnern, die von oben gefilmt wurden. Bellet hat dazu Eisenpulver auf einer Glasplatte von Hand oder mit Karton zu archaischen Gebirgen modelliert. Auf den Screens sieht man, wie auf der Unterseite der Gläser ein bewegter Magnet die Pulvertäler- und berge ständig verändert, so als werde die Millionen Jahre alte Transformation der Erdoberfläche zeitgerafft simuliert. Stetiges Werden und Vergehen wird in der Videoarbeit „I Lost You Again“, 2009, durch Variationen von Schatten in verschiedenen Schärfegraden inszeniert. Die im Loop abgespielten Filme mimen sozusagen den alten Mythos von Ringen um Gestalt im kinematografischen Medium.

Mit „120 Matches“ ist in diesem Jahr eine neue Version von Bellets Installationen mit verkohltem Seidenpapier entstanden. Die nach der Verbrennung verbliebenen Kohlenstoffgebilde, die die transformierende Urkraft des Feuers verkörpern, wurden von einem Gebläse an die Wand gewirbelt, wo sie ein entropisch-labiles Muster bilden. Die Videoarbeit „Escape Landscape“ von 2011, die an Jan Dibbets „TV as a Fire Place“, 1969, erinnert, zeigt einen rückwärts abgespielten Film über das Verbrennen eines Papiers. Durch den Zoomeffekt glaubt man, vom Satelliten auf die Erde zu blicken, deren Räume von der Flamme neu geformt werden. In der Arbeit wird die mediale Vermittlung zur Beherrschung des Feuers und damit zur zeitgenössischen Version des Prometheus-Mythos vom Eintritt des Menschen ins technisierte Zeitalter.

In der Zusammenschau entsteht so eine Art nüchterne, medial vermittelte und simulierte Kosmologie. Es bleibt offen, ob die tastenden Versuche, eine der menschlichen Existenz vorgeordnete Zeit ansprechen, Sehnsuchtsbegehren einer technisierten Gegenwart sind oder zaghafte Erprobung einer neuen, affirmativen Beziehung von Mensch und Technik.        

Manon Bellet, L’onde d’une ombre

Kunstmuseum Solothurn

Werkhofstr. 30, Solothurn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 9. Februar 2014.

 




Kunstmuseum Solothurn