30/12/13

Phantomkunst

Die Kunsthalle Zürich mystifiziert die Kunst mit einer Ausstellung von Lutz Bacher

von Annette Hoffmann
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Lutz Bacher, Jokes (Brando), 1987-8, Courtesy the artist // Galerie Buchholz, Köln / Berlin // Greene Naftali, New York

Die Kunsthalle Zürich mystifiziert die Kunst mit einer Ausstellung von Lutz Bacher

Texte über Ausstellungen von Lutz Bacher beginnen gewöhnlich damit, Lutz Bacher, das Phantom, zu beschwören. Seit den 1970er Jahren schafft die kalifornische Künstlerin unter ihrem männlichen Pseudonym Kunst, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Und jetzt das: im letzten Raum der Kunsthalle Zürich sagt eine Frau auf dem Bildschirm die Worte „My name is Lutz Bacher“. Bevor man sich die Frage stellen kann, ob es sich wirklich um die Künstlerin handelt, sieht man Pferde, dann sind Störgeräusche zu hören und wenig später erzählt ein Mann aufgeregt, wie es war, als ein Bär plötzlich ins Fenster hereinkam. Währenddessen sinkt man noch etwas tiefer auf dem schmuddeligen Sitzsatz ein. Der Blick schweift auf den bunten Lamettavorhang und verweilt einen Moment auf dem Regal, in das die Schweife von Pferden eingeordnet sind.

Wenn es Lutz Bachers Strategie ist, auf möglichst sichtbare Weise zu verschwinden, gelingt es ihr dies in ihrer Einzelschau „Snow“, die einer Akkumulation aussortierter Dinge gleicht, bestens. „Snow“ beschließt eine dreiteilige Ausstellungsreihe mit Stationen im Frankfurter Portikus und im ICA in London. Vor allem das untere Stockwerk der Kunsthalle Zürich scheint das Ergebnis eines ausgedehnten Streifzugs durch Brockenhäuser und Theaterfundus zu sein. Konsumistische Pop-Kultur erweist sich hier als veritabler Alptraum. Der Betrachter reagiert auf die Ansammlung von Bullen aus Rupfen, Aufnahmen von Straßen, Ausschnitten aus Magazinen und Zeitungen an der Wand, Reproduktionen von Kunstwerken mit einer geradezu alarmierten Wahrnehmungsbereitschaft. Wer hat wohl diesem angestaubten Plüschgorilla einen Ohrring verpasst? „Snow White“ liest man auf einer Transportbox, als stände der Schneewittchen-Film mit dem Titel dieser Ausstellung in Verbindung und als hätte man damit ein Ende des Erzählfadens in der Hand, der sich ja doch durch diese Werkpräsentation ziehen muss. Muss er das? Denn auf jede These, die sich aus dieser Ansammlung ziehen ließe, könnte man den Gegenbeweis führen. Da wären im Angebot: Schilderungen von Sexpraktiken, Schaubilder zur Verlust der Kaufkraft, ein Totenkopf aus rotem Plastik, die Inszenierung eines letzten Briefes am Küchentisch.

Lutz Bacher wird als „artist’s artist“ gehandelt. Die Wahl des männlichen Pseudonyms lässt auf eine Versiertheit in Genderfragen schließen, und natürlich führen Kuratoren Bachers politische und gesellschaftliche Kritik an. Doch andersherum: Was macht diese Kunst für Kuratoren derart interessant? Aus einer anderen Perspektive wird das, was beliebig wirkt, zum Versprechen eines Geheimnisses und von Relevanz. Einlösen muss es dies nicht. Wenn etwas Energie raubt und sich zugleich dabei manifestiert, kann es doch eigentlich nur Kunst sein.     

 

Lutz Bacher, Snow

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 2. Februar 2014.

 


 




Kunsthalle Zürich