24/12/13

Von der Fiktion der Wirklichkeit

Dani Gal, Do you suppose he didn't know what he was doing or knew what he was doing and didn't want anyone to know? in der Kunst Halle St. Gallen

von Annette Hoffmann
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Dani Gal, Modell für ein Filmset vom Konzentrationslager Mauthausen nach der Erinnerung von Herrn Kuck, 2013, Courtesy: der Künstler; Freymond-Guth Fine Arts, Zürich, Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier

Dani Gal, Do you suppose he didn't know what he was doing or knew what he was doing and didn't want anyone to know? in der Kunst Halle St. Gallen

Ein Blick auf diese Schienen und man befürchtet das Schlimmste. Zu oft schon hat man eine derartige Bahnstrecke gesehen, die hinter einem Tor, flankiert von Wachtürmen, verschwindet. Viel zu wenige kamen zurück. Nebel steigt auf, irgendwo bellen Hunde. Dann ein Schnitt. Der Mann, der sich eben noch am Kopf gefasst hatte und den die Erinnerung an die Toten überkam, stutzt. Da waren doch keine Gleise, insistiert er. Ein gut situiert wirkender älterer Herr, es ist unzweifelhaft Albert Speer, schweigt. Nein, da waren keine Gleise, bestätigt ihm der Modellbauer. Die Amerikaner wollten es so. Kein KZ ohne Gleise. Auf dem Weg zu Dani Gals neuem Film „Wie aus der Ferne“ war man in der Kunst Halle Sankt Gallen an dem „Modell für ein Filmset vom Konzentrationslager Mauthausen nach der Erinnerung von Herrn Kuck“ vorbeigekommen. Die ominösen Gleise werden von schmäleren gekreuzt, auf ihnen wurde die Kamera transportiert.

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Dani Gal, Wie aus der Ferne (As from Afar), 2013, Courtesy: der Künstler; Freymond-Guth Fine Arts, Zürich
Die Arbeit „Wie aus der Ferne“ des in Berlin lebenden israelischen Künstlers Dani Gal (*1975) erzählt von fiktiven Begegnungen zwischen Hitlers Architekt Albert Speer und dem Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal. Dass sie sich kannten, ist belegt. Gal lässt sie nicht allein im Atelier des Modelbauers Kuck aufeinander treffen, man trinkt Kaffee zusammen und läuft durch die Straßen Wiens, die dem Betrachter ihre Kulissenhaftigkeit ebenso vorzuführen scheinen wie die beiden Darsteller das Vorspielen einer Realität. Wiesenthal und Speer besichtigen in Wien das Haus, das der Philosoph Ludwig Wittgenstein entworfen hat. Von ihm stammen auch die Passagen, die immer wieder die Gespräche der beiden Männer unterbrechen. Die Stimme liest einen philosophischen Text, in dem zwischen Bildern unterschieden wird, die durch eine Erinnerung, durch einen Tagtraum oder gar eine Erwartung geweckt werden. Er führt in den Kern von Gals Arbeit, die Möglichkeiten der Vergangenheit ersinnt und so eine Form von Geschichtsschreibung unterläuft, die für sich die Wahrheit in Anspruch nimmt.

Denn vielleicht ist es mit der Faktizität der Historie so bestellt wie um die Frottagen „Rudiments (Swiss Army Triplet Version)“, die Dani Gal vom Jerusalemer Grab eines britischen Soldaten abgenommen hat, der als Trommler dem Dorsetshire Regiment angehörte. Seine Funktion, seinen Namen, seinen Todestag kann man mal mehr, mal weniger gut lesen. Man kann diese 20 Abriebe, die sich an der Wand der Kunst Halle Sankt Gallen entlang ziehen, als Gleichnis auf unser lückenhaftes Wissen über die Vergangenheit verstehen, zugleich ist auf eine gewisse Distanz eine Art anschwellender Rhythmus erkennbar. „Swiss Army Triplet“, so lässt sich im Saaltext nachlesen, ist eine immer schneller werdende musikalische Struktur, die als Grundlage für verschiedene Stile von Metal bis hin zum Jazz verwendet wird. Das Erzählte und die Art, wie es erzählt wird, sind in Dani Gals Arbeiten in kom­plexer Weise miteinander verbunden. Form wird hier nicht zum Selbstzweck, sie ist eine Anregung, Dinge anders zu sehen. 

 

Dani Gal

Kunst Halle St. Gallen

Davidstr. 40, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 19. Januar 2014.


 

 

 

 

 


 




Kunsthalle St. Gallen