14/11/12

Politische Körper

Der Badische Kunstverein Karlsruhe zeigt eine Retrospektive von Miriam Cahn mit Arbeiten von 1978 bis heute.

von Sabine Gebhardt Fink
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Politische Körper
Die Auseinandersetzung mit „politischen Körpern“ scheint ein grundsätzliches Merkmal der Arbeiten Miriam Cahns ‒ von ihren frühen Arbeiten bis heute ‒ zu sein. Die „bildhaften Zeichen“ dieser politischen Ästhetik werden wahrnehmbar in der Werkgruppe der Arbeiten mit dem Titel „Haus“. Denn in diesen setzt sich Miriam Cahn immer wieder neu mit der Genderdebatte auseinander. Dies geschieht in den frühen Zeichnungen in Kohle und Grafit Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre, indem Signifikationsketten, Zuschreibungen von Weiblichkeit und Frauenrollen infragegestellt werden. Ein Beispiel dafür ist das gesellschaftlich mit „Privatheit“ konnotierte Objekt „Haus“ ‒ wie in der Zeichnung „Haus“, 1979. Diese Thematik setzt sich im aktuellen Ausstellungskontext in zahlreichen Arbeiten fort, welche in den 1990er Jahren entstanden sind - ähnlich wie „Das blaue Haus“ 7.11.1992 (Kreide Pigment) und gelangt schliesslich zu einer Reihe von Malereien in der Art von „Architekturtraum“, 2000/2001, welche aktuell Formen der abstrakten Moderne in die Hausformen integriert.


Diese Symbolisierungen „politischen Körper“ adressieren in der Fortsetzung der von Miriam Cahn in den 80er Jahren in schwarzer Kreide ausgeführten „Zeichen“ von Waffen, Panzern und Kriegsschiffen zudem die problematischen Anfänge des Neoliberalismus bis hin zu den Folgen des „War on Terror“. Adressierte die Künstlerin doch bereits in frühen Arbeiten das Eindringen einer neo-kolonialistischen, neo-liberalen Ökonomie in unsere Sprache, in unser Sehen und in unser Denken, welche jedes abweichende Andere zum Abjekten, zum Bedrohlichen und zum Rechtlosen abstempelt. Dies geschieht „sehenden Auges“ ‒ metaphorisch gesprochen ‒ da bereits Hannah Arendt vor den Gefahren der Ausgrenzung des Differenten warnt: „In dieser Organisationsform ‒ nämlich der politischen Körper als Familien ‒ ist die ursprüngliche Verschiedenheit ebenso wirksam ausgelöscht, wie die essentielle Gleichheit aller Menschen..., zerstört ist. Dieses Begehren führt zu der grundsätzlichen Perversion des Politischen, weil es die Grundqualität des Politischen aufhebt.“

Die Grundqualität, nämlich das absolut Verschiedene im Hinblick auf seine relative Gleichheit und im Unterschied zu relativ Verschiedenen zu organisieren – das erscheint als eigentliches Anliegen der Arbeiten Miriam Cahns zum Thema „Haus“, die in Karlsruhe umfassend gezeigt wird.

Produktionsprozess und -stätte
1987 schreibt Miriam Cahn: „Ich habe diese 2 räume: Staub und Wasser. mit dem messer schabe ich die schwarze kreide zu staub, den rest hacke ich zu stückchen wie hausfrauen oder köche es tun, mische sie mit dem staub und und forme einen hügel, schleudere, streue den staub auf grosse weisse blätter und liege kauere knie beim arbeiten im papier. ich schleudere die wasserfarben: Magenta, blau, gelb das gespannte papier empor, vulkane oder a-und h-bomben nachahmend, die farben fliessen wieder langsam hinunter 1 mischen sich.“ Die Ausstellung in Karlsruhe räumt beiden künstlerischen Verfahren exemplarische, eigene „Räume“ ein. Gleich am Eingang findet sich ein Saal mit einer ganzen Reihe der „A +H bombs“ aus den 80er Jahren. Diesem Raum wird im Zentrum der Ausstellung ein doppelstöckiger Block mit Arbeiten im Verfahren „Lesen in Staub“ zur Seite gestellt. Das Verfahren „Lesen in Staub“ ist ein Kräfte verschwendendes Verfahren und die künstlerische Arbeit im Staubraum, verbindet gezielte Aktion mit Verfahren des Automatismus – wie letztere auch in den Arbeiten im „Wasserraum“ eine wichtige Rolle spielen.

Miriam Cahn hat künstlerische Verfahren früh als Produktionsprozesse begriffen, welche Analogien zu Produktionsverfahren der „Industrie“ im Sinne von Deleuze/Guattari (Mille Plateau, Paris 1980) aufweisen. So wird das künstlerische Verfahren zu einer Disposition des Sichtbar-Machens, des Aufzeigens von Unsichtbarem in Schab- und Tastarbeit im schwarzen Kreidestaub. Interessanterweise nehmen diese Arbeiten oft Traum- und Erinnerungsbilder auf. Diesen stellt die Künstlerin die – anscheinend ‒ leichten, fliessenden, verführenden Farbbewegungen der „Bomben“ gegenüber. Dadurch nutzt sie eine Strategie, die Brillanz der TV Bilder von Explosionen, indem sie diese re-produziert, einem Medientransfer zu unterwerfen. Dieser lässt sie erst kritisch erscheinen; und zwar kritisch im Sinne eines Sichtbar-Machens der Brüche und Verwerfungen innerhalb ihrer so „unheimlichen“ wie doppeldeutigen Bedeutungen.

Weiter enthüllt Miriam Cahn, ebenfalls aus heutiger Perspektive gesprochen, in ihren bereits Ende der 1980er Jahren entstandenen Bildern von Produktionsstätten unsere – mit Gerald Raunig – geglättete, fordistische, maschinische Zeit. Der Produktion von Subjektweisen und Lebensformen wird zum Bild maschinischer Indienstnahmen projiziert. Es etabliert, nach Deleuze/Guattari, ein Zeitregime, das eine De- und Re-Territorialisierung der Zeit befördert und so Lebens- und Arbeitszeit wie Produktionen jeglicher Art rastert, standardisiert und räumlich hierarchisiert.

Erinnerung und Repräsentation
Das Problem der Repräsentation beginnt bei der Erinnerung betont Paul Ricoeur. Zunächst einmal ist das Problem der Repräsentation, die des Erinnerns eines Bildes einer abwesenden Sache. Diese Anwesenheit des Abwesenden im Vorstellungsbild bedeutet ‒ neben der örtlichen ‒ zugleich auch eine zeitliche Abwesenheit. Im Erinnern erst, in einem unabänderlich auch das Erinnernde verändernden Prozess, wird dieses Frühere als in der Gegenwart nicht mehr Vorhandenes erkennbar.
Genau diese Anwesenheit des Abwesenden scheint im Rezeptionsvorgang für das Betrachten der Arbeiten mit Tierthematiken bei Miriam Cahn ‒ wie die Zeichnungsarbeit aus den 1970 er Jahren, die in Karlsruhe in einer Vitrine gezeigt wird, zu Arbeiten wie „Schneevogel“, 2001 oder „Gestern Abend im TV gesehen“, Teil 1 von 2, 27.12.2001 ‒ wesentlich.

Im Falle der Tierbilder wird die Situation dadurch komplex, dass sie sowohl das existierende Frühere als auch das fiktive oder geträumte Frühere umfasst. Miriam Cahns Arbeiten mit Tiermotiven verweben den Vorgang des Erinnerns mit dem Vorgang des Vorstellens eines Früheren, wie sie selbst in einem Artist-Text formuliert (Katalog Hannover 1988): „traum: ich spaziere mit jean-christophe über die wettsteinbrücke und streite heftig mit ihm über die prinzhornsammlung. plötzlich springt queboul der hund über das geländer in die tiefe.“
Ricoeur zufolge ist die Erinnerung nicht immer und nicht einmal oft gegeben, sondern man muss sie suchen. Diese Suche bezeichnet er als „Anamnese“, als eine Wiedererinnerung, als ein Aus-dem-Gedächtnis-Hervorholen und in Erinnerung-Rufen.
Und so generieren sich in den „Erinnerungsbildern“ Miriam Cahns unheimliche Momente der Selbst-Präsentation, welche die Vorstellung des Abwesenden im Modus des zeitlich Vorherigen darstellen und mit vorgestellten Traumbildern verflechten. Wenn wir heute Miriam Cahns Tierbilder so ins Auge fassen, erscheint auch in ihren aktuellen Arbeiten dieser Prozess des „Aus-dem Gedächtnis-Hervorholens und des In-Erinnerung-Rufens“ -analog zu ihren Texten – ein Schlüsselmoment zu sein.

Sabine Gebhardt Fink
Leitung Master of Arts in Fine Arts, Hochschule Design & Kunst Luzern, beschäftigte sich in ihrer Dissertation (Uni Basel) „Transformation der Aktion“ (2003 in Wien erschienen) u.a. mit den performativen Arbeiten Miriam Cahns; mit dem besonderen Anliegen, die Übersetzung früher performativer Verfahren in spezifische Medien und Formate wie Zeichnung, Video, Gemälde usw. aufzuzeigen.
Der Text basiert auf einem Vortrag, den Sabine Gebhardt Fin am 17. Oktober 2012 im Badischen Kunstverein gehalten hat.

Miriam Cahn, Lachen bei Gefahr
Badischer Kunstverein
Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00.
Bis 10. Februar 2013.
Badischer Kunstverein