19/12/13

Auch Männer dürfen weinen

Das Kunstmuseum Bern geht der Frage nach, was ein Mann ist und strickt daraus eine spannende Schau mit kleinen Schwächen

von Alice Henkes
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Bas Jan Ader, I’m too sad to tell you, 1970/71, Museum Boijmans Van Breuningen, Rotterdam

Das Kunstmuseum Bern geht der Frage nach, was ein Mann ist und strickt daraus eine spannende Schau mit kleinen Schwächen

„Mann sein heisst, kaputt sein“, schrieb Valerie Solanas. Sie hatte die Schnauze voll. Der Mann mit seinem Y-Chromosom war für sie eine unvollständige Frau, die die Gesellschaft tyrannisierte. Solanas Plan: Die Regierung stürzen, das Geldsystem abschaffen, die Männer vernichten. Am 3. Juni 1968 schoss sie auf Andy Warhol. Warhol wurde schwer verletzt, Solanas wurde in die Psychiatrie eingeliefert. In der Ausstellung „Das schwache Geschlecht – Neue Mannsbilder in der Kunst“ im Kunstmuseum Bern kommt Valerie Solanas nun noch einmal zu Wort. Carole Roussopolous und Delphine Seyrig verlesen in einem Video von 1976 Solanas' „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“, eine äusserst bissige Attacke auf die Geschlechterverhältnisse, die durchaus noch lesenswert ist. Auch heute sitzen meist Männer im Chefsessel.

Kathleen Bühler, Kuratorin der Abteilung Gegenwart im Kunstmuseum Bern, interessiert sich für Geschlechterverhältnisse in Kunst und Gesellschaft. Und dafür, wie sehr die Frauenbewegung die Selbstwahrnehmung der Männer umgeformt hat. Eine von Bühlers Thesen lautet: Männer dürfen heute weinen. Eine Fotowand im Eingangsbereich der Schau zeigt weinende Männer, fotografiert von Sam Taylor-Johnson. Doch die heulenden Herren sind allesamt bekannte Hollywood-Stars. Paul Newman, Woody Harrelson, Ed Harris. Kann man einen Wertewandel erkennen, wenn Schauspieler, die von Berufs wegen alle möglichen Gefühle vortäuschen können, vor der Kamera weinen?

Männer sind ein In-Thema. Männerforscher ergründen, was es mit dem Mann-Sein auf sich hat. Jüngst übernahm das Musée d’Orsay aus dem Wiener Leopoldmuseum die Ausstellung „Nackte Männer“ und modifizierte sie zu  „Männlich/Männlich. Nackte Männer von 1800 bis heute“. Manche Besucher(innen), so wird gemunkelt, hätten die gemalten Penisse gezählt. In Bern geht es nicht nur um den männlichen Akt. Es geht um den Mann als gesellschaftliches Konstrukt, seinen Platz in der Gesellschaft und der Kunst. Das klingt sehr spannend. Leider knirscht es ein wenig bei der Umsetzung des Konzepts. Der männliche Akt ist nicht das zentrale Thema der Schau, aber doch präsent. Wer ein paar hüllenlose Herren betrachten möchte, wird sich freuen. Zum Beispiel über die frechen (Halb-)Akte der österreichischen Künstlergruppe Gelitin. Auf „Ständerfotos“ posieren sie mit erigiertem Glied vor phallischen Landmarken wie Bäumen oder Bergen. In den expressiven Holzskulpturen von Josef Felix Müller gewinnt der Männerleib eine zugleich aggressive wie verletzliche Note.

Die Schau umfasst Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus rund einem halben Jahrhundert. Einige der interessantesten Arbeiten der Schau stammen aus den geschlechterbewegten 1960er Jahren. Dazu gehört die Fotodokumentation der berühmten Aktion „Aus der Mappe der Hundigkeit“ von 1969. Die Bilder zeigen Valie Export, die ihren damaligen Partner und Künstlerkollegen Peter Weibel an einer Hundeleine durch Wien führt. Vortrefflich spielt die Arbeit mit Rollenbildern, mit Macht und Unterwerfung. Bemerkenswerter noch ist, dass Peter Weibel heute darauf besteht, als alleiniger Autor der Aktion genannt zu werden. Das allein böte genügend Stoff, um die Frage zu diskutieren, wie es Männern auch und gerade in der Kunst immer wieder gelingt, die Früchte weiblicher Arbeit für sich zu reklamieren. Umgekehrt ist wenig darüber zu erfahren, wie es Männern mit der Arbeit und dem Erfolg geht, in einer Welt, in der sie den Status als Alleinverdiener und Familienoberhaupt längst verloren haben. In der Ausstellung kommt der homo oeconomicus kaum vor. Wenn doch, dann sind es Frauen, die ihn in den Fokus nehmen. Ursula Palla etwa zeigt in einem Video einen Herrn im Anzug auf dem Schlappseil als Allegorie auf die unsicher gewordene Arbeitswelt. Gewiss, Jobunsicherheit und Arbeitslosigkeit betreffen nicht nur Männer. Was aber hat zu diesen Veränderungen in der Arbeitswelt geführt? Die Feministinnen, die den Männern die Jobs wegnehmen? Die Gier der Männer, die mehr Profite machen wollen? Fragen wie diese tippt die Schau nur leise an.             

 

Das schwache Geschlecht: Neue Mannsbilder in der Kunst.

Kunstmuseum Bern

Hodlerstr. 8-12, Bern.

 

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

 

Bis 9. Februar 2014.

 




Kunstmuseum Bern