18/12/13

Lebende Bilder

Das ZKM Karlsruhe widmet der Berliner Choreografin und Tänzerin Sasha Waltz eine Überblicksschau

von Annette Hoffmann
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Sasha Waltz, Dido und Aeneas, Oper, Musik von Henry Purcell, 2005, © Sebastian Bolesch

Das ZKM Karlsruhe widmet der Berliner Choreografin und Tänzerin Sasha Waltz eine Überblicksschau

 

Während in Berlin derzeit Kulturpolitik gemacht wird, musealisiert man in Karlsruhe das Werk der Choreografin und Tänzerin Sasha Waltz. Doch die Ausstellung, auf der sich im ZKM ihr Wirken entdecken lässt, ist kein starres Korsett. Der Tanz und selbst das Bühnenbild der Künstlerin, die vor 50 Jahren in Karlsruhe geboren wurde, haben Platz, sich zu regen. Hier schrauben sich die kleinen Pflänzchen aus Waltz‘ Choreografie „Na Zemlje“ nach oben und öffnen ihre weißen Blüten, dort beginnen die Dielenböden aus „Gezeiten“ zu wanken und ein bedrohliches Eigenleben zu führen und gleich werden Tänzer die Videoprojektionen aus „Körper“ ersetzen. Die Compagnie betritt in hautfarbener Unterwäsche den Tanzboden. Einer nach dem anderen legt sich der Länge nach hin und fügt sich in ein Reißverschlusssystem ein. Inmitten  der Körper, die sich nach vorne wälzen, steht eine Frau im schwarzen Anzug. Sie wird von dieser Woge nach vorne getragen. Später werden sich die Tänzer zu kleinen Menschenpyramiden arrangieren, indem sich einer auf die Hüfte des anderen legt. So eine Wirbelsäule kann ganz schön verletzlich wirken.

Wie Sasha Waltz‘ bekanntestes Stück könnte auch diese Retrospektive „Körper“ heißen. Denn im Schaffen der Künstlerin, die in Berlin derzeit um die Finanzierung ihrer Compagnie kämpft, geht es sichtlich um den Körper. Die Frauen und Männer ihrer Compagnie wirken dabei vor allem fragil. In „Continu“ stecken sie in Gurten, die von der Decke hängen. Sie könnten mit den Füßen den Boden berühren, stattdessen verlagern die Tänzerinnen fast unmerklich ihr Gewicht, so dass sie sich in der Luft drehen, auf dem Kopf stehen oder horizontal im Raum schweben. Man kann jeden angespannten Muskel an den Tänzerinnen beobachten. In der kurzen Videosequenz „Fries“ aus „Medea“ greift Sasha Waltz die ästhetische Praxis der lebenden Bilder auf. Wie in einem antiken Relief ragen Männer, Frauen und Kinder aus einem schlammartigen Hintergrund. Dann beginnen sich in Zeitlupe die Fünfergruppen zu regen. Irgendwo wird eine Hand ergriffen, die einsam herausragt, dort ein Bein. Alles Individuelle ist durch die bräunliche Farbe überdeckt. Der Körper ist in dieser großformatigen Videoinstallation einerseits Medium alltäglicher Lebenserfahrung, andererseits ein kulturell über- und geformtes Zeichen.

Man muss nicht, wie Hausherr Peter Weibel den „iconic turn“ bemühen, um diese Übersichtsschau zu legitimieren, nicht einmal den Lokalstolz. Sasha Waltz‘ Choreografien sind im Laufe des 20jährigen Bestehens der Compagnie immer abstrakter geworden und haben sich vom anfänglichen Tanztheater wegbewegt. Objekte wie die aufblühenden Blumen aus „Na Zemlje“ oder überhaupt das Agieren in Räumen und das Reagieren in diesen ist wesentlicher Teil der Arbeit von Waltz. Vieles wirkt ausgesprochen bildhaft.

„Sasha Waltz. Installationen Objekte Performances“ zeigt neben Videoprojektionen und Bühnenbildern sowie den Live-Auftritten auch einen Einblick in die Entstehungsprozesse. So hat Waltz, die an der Konzeption dieser Ausstellung mitbeteiligt war, ihr Archiv geöffnet. Manches, was man eben noch ganz real gesehen hat, erfährt so eine Vertiefung. Skizzen und tabellenartige Aufstellungen sind an die Wand gehängt, die kaum die simultanen Geschehnisse auf der Bühne abzubilden vermögen. Aufwändige, detaillierte Notationen scheint Sasha Waltz nicht zu brauchen. Die offensichtliche Schwierigkeit, eine derart flüchtige Kunst wie den Tanz auszustellen, löst diese Schau. Es ist nicht allein der Live-Charakter der Performances, der einen Gang durch diese Retrospektive derart kurzweilig macht, auch die Videoinstallationen von einzelnen Szenen, die für Waltz die Bedeutung von Ikonen innerhalb ihres Oeuvres haben, entfalten eine Präsenz. Und wenn man zuschaut, wie ihre Tänzerinnen und Tänzer in ihrer Choreografie „Dido und Aeneas“ zur Musik von Henry Purcell in ein etwa brusthohes Bassin eintauchen, erst ein Paar, das sich zum Kuss findet, dann die ganze Formation, weiß man die Vorteile des Filmes zu schätzen. Man kann es einfach immer wieder sehen.           

Sasha Waltz: Installationen Objekte Performances.

ZKM Medienmuseum

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 2. Februar 2014.

 




ZKM