17/12/13

Werkbeschau in Vitrinen

Adriàn Villar Rojas ist Träger des Zürich Art Prize 2013: Das Haus Konstruktiv widmet dem Freund großer Gesten eine intime Soloschau

von Dietrich Roeschmann
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Adrián Villar Rojas, Film before Revolution, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2013, Foto: Jörg Baumann

Adriàn Villar Rojas ist Träger des Zürich Art Prize 2013: Das Haus Konstruktiv widmet dem Freund großer Gesten eine intime Soloschau

 

Nichts hält ewig. Schon gar nicht die Kunst des Argentiniers Adrián Villar Rojas. Aber ist das ein Wunder? Am liebsten arbeitet der 33-Jährige mit Lehm oder ungebranntem Ton – und das vorzugsweise unter freiem Himmel. Dass er seine gebrechlichen Skulpturen, die oft gigantische Ausmaße annehmen, gezielt dem schleichenden Verfall aussetzt, verleiht ihnen etwas zutiefst Berührendes. 

Bekannt wurde Villar Rojas mit seinem Beitrag zur 2. Biennale am Ende der Welt im feuerländischen Ushuaia. In einem Wald oberhalb des abgelegenen Städtchens hatte der Künstler zusammen mit seinem Team wochenlang Äste und Zweige gesammelt, um daraus ein 30 Meter langes Walskelett zu bauen, das er schließlich mit Tonerde ummantelte. Wie ein vom Sturm an Land geworfenes Tier ruhte das Monstrum mit dem Titel „Mi familia muerta“ zwischen Steinen und Geäst – als Mahnmal für die indigenen Opfer der Ausrottung durch spanische Kolonisten und aus Europa eingeschleppte Viren. Auch in späteren Arbeiten reanimierte Villar Rojas das barocke Memento mori wirkungsvoll für die Gegenwart. Anlässlich der Venedig-Biennale 2011 etwa verwandelte er den argentinischen Pavillon in eine apokalyptische Comic-Szenerie, deren täglich wachsende Trümmerberge wie Zeugen einer künftigen Katastrophe wirkten. Für die documenta 13 arrangierte er in den Kassler Weinbergterrassen tote Hirsche, geköpfte Riesen und eine Ferkel säugende Punkfrau, die zwischen Dutzenden von tönernen Glockenabgüssen kauerte. Die Melancholie dieser Arbeiten wirkte seltsam antiquiert und aktuell zugleich. Für Villar Rojas waren sie ein Statement: Er wolle zeigen, sagte er, dass trotz knapper Ressourcen auch heute noch große Entwürfe nötig und möglich sind.

Umso überraschender ist nun die Soloschau, die der Argentinier als frisch gekürter Träger des Zurich Art Prize im Zürcher Haus Konstruktiv eingerichtet hat. Tatsächlich hätte die Halle des ehemaligen Umspannwerks reichlich Raum geboten, um hier ein weiteres Vanitas-Monument aus Tonerde zu modellieren, das während der dreimonatigen Ausstellungsdauer sogar genug Zeit gehabt hätte, an seinem eigenen Gewicht wieder in sich zusammenzubrechen. Statt einer Werkschau in Ton hat sich Villar Rojas jedoch für eine Werkbeschau auf Papier entschieden, angerichtet in fragilen Vitrinen, die der Künstler und sein Team vor Ort aus alten Brockenhausmöbeln gefertigt haben: Ausziehbare Tische, denen die Holzeinsätze fehlen, ein Nähmaschinenpodest ohne Nähmaschine, auf Leiterfragmente aufgebockte Schreibtischoberteile, ein alter Konzertflügel. Die fehlenden Oberflächen dieser Möbel hat Villar Rojas durch mundgeblasene Scheiben aus farbigem Glas ersetzt, die von unten mit Neonröhren beleuchtet werden. Er nutzt sie als Display für kleinformatige Skizzen und Aquarelle, die auf den ersten Blick lediglich den Entstehungsprozess seiner skulpturalen Arbeiten zu dokumentieren scheinen, tatsächlich aber tiefe Einblicke in seine Arbeitsweise geben. Als Vorlage für die zarten Blätter dienten ihm Szenen aus seinem Atelier und Materiallager, das ein Mitarbeiter nach eigenen Kriterien umorganisiert hatte. Villar Rojas dokumentierte diese überraschende Neuordnung seines Werks in Fotografien, die er von einem Assistenten in Aquarelle übertragen und erneut bearbeiten ließ. Zusammen mit den Bauplänen seiner Installationen und farbigen Zeichnungen von Straßenansichten oder großformatigen Skulpturen in freier Landschaft fügen sie sich in den Vitrinen nun zu einer traumgleich vor sich hin mäandernden Bilderstrecke, die weder Anfang noch Ende kennt und in wechselnder Autorschaft und ständiger Überarbeitung immer neue Formen annimmt: von der Ideenskizze zur Vorlage, von der künstlerischen Setzung zum Dokument, das wiederum zum Ausgangspunkt neuer Ideen wird. Die große melancholische Geste, für die Villar Rojas bekannt ist, verkehrt sich hier ins Utopische. Im Gegensatz zu Memento mori seiner zerbröselnden Tongiganten feiern diese Zeichnungen das kreative Potenzial des Kollektivs.   

 

Adrián Villar Rojas: Films Before Revolution.

Haus Konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 2. Februar 2014

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: The Green Box, Zürich 2013, 152 S., 30 Euro | 42 Franken.




Haus konstruktiv