16/12/13

Kein Entrinnen aus der Interaktivität

"Metamatic Reloaded" im Museum Tinguely fasst das Verhältnis von Künstler, Werk und Betrachter neu

von Dietrich Roeschmann
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Thomas Hirschhorn, Diachronic-Pool (Detail), 2012, All Art Initiatives, Amsterdam © 2013, ProLitteris, Zürich Foto: Marc Domage Courtesy the Artist and Gladstone Gallery, New York

"Metamatic Reloaded" im Museum Tinguely fasst das Verhältnis von Künstler, Werk und Betrachter neu

Jean Tinguelys Zeichenmaschinen, kurz „Méta-matics“ genannt, gehörten schon immer zu den beliebtesten Mitmachwerken in der Sammlung des Museums Tinguely: Einfach Papier festklemmen, Stift einspannen, starten – und schon zittert ein von Riemen und Rädern angetriebenes Metallärmchen wie wild über das Blatt und fabriziert eine krakelige Zeichnung, die offen lässt, ob sie nun das Werk des Künstlers, des Metamatic-Users oder der Maschine ist. Fest steht nur: sie gehört dem Besucher. Er darf sie mit nach Hause nehmen. Als Tinguely dieses Konzept der interaktiven Bildproduktion 1955 entwickelte, betrat er Neuland. Mit charmanter Beiläufigkeit stellten seine Zeichenmaschinen die Ordnung des Museums und des Marktes auf den Kopf, verwässerten eingeübte Hierarchien und verwandelten stille Ausstellungssäle in scheppernde Spielplätze  zur experimentellen Erweiterung des Kunstbegriffs. 

Um die Wirkung von Tinguelys Zeichenrobotern nicht nur spielerisch, sondern auch theoretisch zu erfassen, gründete das Amsterdamer Sammlerpaar Allard und Natascha Jakobs 2009 eigens das Métamatic Research Institute (MRI), das sich seither mit Fragen der Autorschaft, der Idee des kontrollierten Zufalls und der aktiven Rolle des Betrachters in der Gegenwartskunst beschäftigt. Zugleich tritt das MRI als Produzentin von Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler auf, die Tinguelys Konzept für die Jetztzeit aktualisieren. Vor vier Jahren lancierte das Institut zu diesem Zweck eine internationale Ausschreibung, an der sich zahlreiche Kunstschaffende beteiligten. Zehn ausgewählte Arbeiten sind jetzt im Museum Tinguely zu sehen. Dass keine einzige die formale Nähe zum Werk des Basler Ur-Kinetikers sucht, stellt von vorneherein klar, dass es hier weniger um eine Hommage an Tinguely geht, sondern um den Versuch, ausgehend von dessen Méta-matics das radikal gewandelte Verhältnis von Künstler, Werk und Betrachter neu zu fassen. Eine Idee von der Komplexität dieses Verhältnisses gibt gleich zu Beginn Jon Kesslers Installation „The Web“. Sobald man sie betreten hat, gibt es kein Entrinnen mehr aus der Interaktivität. Jede Bewegung des Besuchers wird von Kameras aufgezeichnet, die ihre Bilder auf Dutzende von Screens projizieren. Wo immer man sich in diesem höhlenartig verschachtelten Raum befindet, blickt man in das eigene suchende, überraschte, grübelnde Gesicht und begegnet sich gleichermaßen als Subjekt und Objekt von Kesslers Bildmaschine. Auch der raumgreifende „Diachronic Pool“, den Thomas Hirschhorn nebenan aufgebaut hat, lässt sich nur als aktiver Besucher erlaufen. In einem wüst arrangierten Lernlabor, eingefasst von Autoreifen, wie sie in gefährlichen Kurven von Formel-1-Rennstrecken aufgetürmt werden, lässt der Materialschlachter hier die Waffenarsenale seiner philosophischen Kritik auf Bilder von Krieg und Folter treffen und entwickelt so eine begehbare Metapher auf das aufgeklärte Multitasking, ohne das sich aus den Informationsströmen schon lange kein tieferes Verständnis der Welt mehr destillieren lässt. Eine These, die auch Olaf Breuning mit seinem irren Video „Work 3“ stützt: es zeigt einen rastlosen Touristen auf der Jagd nach exzessiven Eindrücken in New York. Die größte Herausforderung der Schau wartet jedoch im Museumspark, wo die Performancekünstlerin Marina Abramovic einen Prototyp ihres „MAI“-Instituts aufgebaut hat, das sie 2015 in den USA eröffnen will. Zutritt zu dem Basler Zeltdorf hat nur, wer sich vorher online angemeldet und einen Vertrag unterschieben hat, dass er die zweistündige Performance nicht abbrechen wird, die Abramovic ihren Gästen hier in Abwesenheit diktiert. In diesem Marionettentheater ohne Zuschauer wird der Besucher dann tatsächlich selbst zum Medium.    

Metamatic Reloaded

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 26. Januar 2014.

 

 


 

 


 

 

 




Museum Tinguely