13/12/13

Aussage gegen Aussage

Das Haus der Kunst München zeigt die erste Retrospektive von Lorna Simpsons Werken in Europa

von Roberta De Righi
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Lorna Simpson, Waterbearer, 1986, Courtesy the artist; Salon 94, New York; and Galerie Nathalie Obadia, Paris / Brussels © Lorna Simpson

Das Haus der Kunst München zeigt die erste Retrospektive von Lorna Simpsons Werken in Europa

 

„Ist sie schön wie ein Bild, klar wie ein Kristall, rein wie eine Lilie, schwarz wie Kohle oder scharf wie eine Rasierklinge?“ Zu dieser Suggestivfrage zeigt Lorna Simpson fünf Mal dasselbe Bild: den Hinterkopf einer schwarzen Frau. Bereits in ihrer frühen Arbeit „20 Fragen“ von 1986 jongliert die New Yorker Künstlerin (*1960) herausfordernd mit Geschlechts- und ethnischen Stereotypen. In ihren Fotografien, Filmprojektionen und Collagen befasst sich Simpson, die 1990 als erste Afroamerikanerin an der Biennale teilnahm, mit Identität und Rolle, Erinnerung, Fakt und Fiktion und setzt die Gemengelage immer wieder neu zusammen. Jetzt präsentiert das Münchner Haus der Kunst ihr Werk, in dem sie den konzeptuellen Ansatz häufig mit performativen Elementen umsetzt, in einer sehenswerten, sehr konzentrierten Retrospektive.

Die Montage von Bild und Text ist in ihrem Werk grundlegend: In ihrer Foto-arbeit „Wasserträgerin“, die Lorna Simpson 1986 einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat, sieht man eine schwarze Frau im weißen Unterkleid – eine Personifikation der Justitia? – in der Rückenansicht. Links gießt sie Wasser aus einer Metallkanne und rechts aus einem Plastikkanister. Der Text dazu thematisiert kollektives Misstrauen an einer individuellen Erinnerung und die Arbeit ließe sich in der rassistischen Frage zuspitzen: Was ist die Aussage einer Schwarzen wert? Simpsons Kunst hat oft etwas herausfordernd Abwägendes, darin steht Wort gegen Bild oder Aussage gegen Aussage. Auch bei „Stereostyles“ von 1988 sieht man eine weibliche Person nur von hinten; Simpson kombiniert hier verschiedene Frisuren mit einigen vermeintlich beschreibenden Adjektiven. Der Übergang von Objektivität zur (Ab-)Wertung vollzieht sich fast unmerklich zwischen den Zeilen.

Mit der Wandarbeit „1957–2009“ erkundet die Künstlerin dann das Terrain von Identität und (Selbst-)Repräsentation. Die vielteilige Foto-Installation basiert auf einem Konvolut von vorgefundenen Schwarzweiß-Aufnahmen einer dunkelhäutigen Frau, die im L.A. der 1950er Jahre über drei Monate hinweg immer wieder typische Starlet-Posen einnahm. Lorna Simpson wiederum begibt sich selbst mit einer schmerzhaften Re-Inszenierung dieses Shootings in das Spannungsfeld zwischen Individualität und Stereotyp. Neu ist die aufwändige dreiteilige Video-Installation „Chess“: Auf den Projektionen kann man einer Frau und einem Mann ‒ beide dargestellt von Simpson selbst – in fünffacher Spiegelung beim Schachspiel zusehen, und daneben den Komponisten Jason Moran am Piano beim Einspielen des Soundtracks beobachten. Irritierend und eindrücklich werden diese Bilder vor allem durch den beiläufig sichtbaren Alterungsprozess, den die Protagonisten durchleben, ehe sie vom Spiel aufstehen und im Nirwana der Erinnerung verschwinden.

1994 brachte der Besuch einer Beuys-Ausstellung Lorna Simpson auf die Idee, großformatige Schwarzweiß-Fotografien als Siebdruck auf Filz zu drucken. Das Ergebnis ist in der Wirkung nicht zuletzt deshalb so beeindruckend, weil sich Untergrund und Oberfläche konterkarieren, und so die Bilder der sichtbaren Realität leicht entrückt werden. Die Künstlerin nannte den Zyklus, der nun im Haus der Kunst zu sehen ist, „Public Sex“. Fast unnötig zu erwähnen, dass Sex nicht zu sehen ist, aber in den Texten umkreist wird. Zu einer geradezu magischen Wirkmacht führt der Filz-Druck bei einem Interieur, das lediglich aus einer leeren Mitte und einer Wolke, die Licht reflektiert, besteht. Das Szenario ist ein Film-Still der Videoprojektion „Cloudscape“ aus dem Jahr 2004: Darin sieht man im Endlos-Loop einen Mann in einem leeren Raum, der langsam von Nebelschwaden verschluckt und wieder freigegeben wird. Auf der Tonspur hört man ihn ein Kirchenlied pfeifen. So entsteht eine minimalistische Spiritualität von eigenartiger Wucht. Eine weitere Facette in Lorna Simpsons Œuvre – und noch einmal ganz anders als die kontrollierte Provokation, mit der sie sonst den Betrachter zur Reflexion auffordert.     

 

Lorna Simspon: Retrospektive.

Haus der Kunst

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.

Bis 2. Februar 2014.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Prestel Verlag,

München 2013, 216 S., 49,95 Euro | 74 Franken

 

 




Haus der Kunst