11/12/13

Nature morte

Das Werk von Mona Hatoum wird erstmals umfassend in der Schweiz gezeigt

von Annette Hoffmann
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Mona Hatoum mit Inaash, Twelve Windows, 1012-13, Kunstmuseum St. Gallen, Foto: Stefan Rohrer

Das Werk von Mona Hatoum wird erstmals umfassend in der Schweiz gezeigt

 

Wie Wäschestücke hängen sie da. Das Drahtseil, an dem zwölf gut einen Quadratmeter große Stickereien mit Wäscheklammern befestigt sind, spannt sich im Zickzackkurs durch den Raum. Folgt man ihnen, kommt man an stilisierten Bäumchen vorbei, an rot- und blaugründigen Mustern und geometrischen Bordüren und dringt in die Tiefe des Ausstellungsraumes ein. Mona Hatoum (*1952) hat ihre Arbeit „Twelve Windows“ zusammen mit der libanesischen Initiative Inaash (Association for the Development of Palestinian Camps) verwirklicht. Die 1969 gegründete Nichtregierungsorganisation bietet palästinensischen Frauen in libanesischen Flüchtlingscamps eine Aufgabe und zugleich bewahrt sie die Tradition der Kunststickerei vor dem Vergessen. Denn jede Region, sei es Jaffa, Ramallah oder Hebron, hat eigene Muster ausgeprägt, die seit Jahrhunderten von der Mutter zur Tochter weitergegeben werden und Identität stiften. „Twelve Windows“ erinnert nicht allein an ihre eigene palästinensische Herkunft, Mona Hatoum schafft damit auch eine Verbindung zur Textilstadt St. Gallen, in dessen Kunstmuseum nun eine umfangreiche Ausstellung von Hatoum zu sehen ist. Und wer von Stickerei zu Stickerei geht, über Drahtseile steigt, sich unter ihnen hindurchduckt, erfährt auch einen Raum, der alles andere als homogen ist und der durch willkürliche Eingriffe geprägt ist. Man darf darin wohl ein Abbild palästinensischer Verhältnisse sehen dürfen.

Diese Doppelbödigkeit prägt viele der Werke von Mona Hatoum. Diese werden kenntlich bei ihren Handgranaten, die aus farbigem Muranoglas bestehen und die in St. Gallen in einem kleinen Medizinschrank präsentiert werden. „Natura morta“ hat die Künstlerin sie anspielungsreich benannt. Es ist ein Stillleben, das - bestände es nicht aus kunsthandwerklichen Repräsentanten - den Tod bringen könnte. Der Bruch ist auch dann nicht zu übersehen, wenn Mona Hatoum Maßstab und Material ganz gewöhnlicher Küchengerätschaften verändert und deren Design auf Bettgestelle und Paravents aus Stahl überträgt. Nur ein Fakir würde hier glücklich werden. Es sind immer auch die Materialien, mit denen sie derart ambivalente Reaktionen hervorruft. Stahl und Metall, mitunter sogar Stacheldraht, das sich im Kunstmuseum St. Gallen zu dem minimalistischen Kubus „Impenetrable“ fügt. Aus unzähligen stacheligen Strängen ist dieses durchlässige Gebilde zusammengesetzt, das sich je nach Perspektive in einzelne Linien auflöst oder zum geometrischen Körper wird. Kaum weniger zwiespältig sind die Bildobjekte, die Mona Hatoum aus Haaren geschaffen hat. Denn ist das Haar einmal ausgegangen, ist es tot und hat seine Verführungskraft verloren.

 

Mona Hatoum bettet das Widerständige an ihrem Werk in eine Oberfläche ein, die es durch Schönheit bändigt. Die Kabel ihrer Lichtinstallation „Undercurrent (red)“ aus dem Jahr 2008 sind rot ummantelt und in der Mitte zu einem Webstück verbunden, von dem die einzelnen Stränge strahlenförmig in einzelnen Glühbirnen auslaufen. Das Licht glimmt auf und ab. Und in einer frühen Serie, die 1996 in der Shakergemeinde Sabbathday Lake in Maine ihren Anfang nahm, machte sie von alten Küchengegenständen, die im 19. Jahrhundert entstanden sind und die sie aufgrund ihrer schlichten Schönheit faszinierte, Abriebe mit Wachspapier. Der Betrachter bekommt eine Ahnung von der Funktion dieser zarten Muster. In ihren ersten Werken, die das Kunstmuseum St. Gallen auch zeigt, war das noch anders. „Roadworks“ gehört zu den frühen Videos, das 1985 in ihrer Wahlheimat London entstand. Man sieht die junge Künstlerin, wie sie an ihren Fesseln Doc Martens nachschleift, so als begleite sie jemand auf Schritt und Tritt. Ihre bloßen Füße machen dabei einen ausgesprochen schutzlosen Eindruck. Mona Hatoum filmte dieses Video im Stadtteil Brixton, in dem es in den 1980er Jahren zu rassistisch motivierte Unruhen kam. Die Polizisten, die diese niederdrückten, trugen nicht selten diese schwarzen Schuhe der Arbeiterklasse. Die Widersprüche im Werk von Mona Hatoums sind geblieben und haben sich materialisiert.

 

Mona Hatoum

Kunstmuseum St. Gallen

Museumsstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 12. Januar 2014.

 

 

 




Kunstmuseum St. Gallen