02/12/13

Unter dem Vorspielen von Friedfertigkeit: Lena Maria Thüring, Kreide fressen

Anlässlich des Manor Kunstpreises Basel hat Lena Maria Thüring eine neue Arbeit produziert, "Kreide fressen" ist derzeit im Museum für Gegenwartskunst Basel zu sehen

von Annette Hoffmann

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Still aus: Lena Maria Thüring, Kreide fressen, 2013, Foto: Kunstmuseum Basel

Anlässlich des Manor Kunstpreises Basel hat Lena Maria Thüring eine neue Arbeit produziert, "Kreide fressen" ist derzeit im Museum für Gegenwartskunst Basel zu sehen

Das Befremden ist groß. Selbst bei denen, die die Zeit der 1970er und 80er Jahre und ihre Diskussion um die kindliche Sexualität bewusst miterlebt hatten. War man wirklich derart übergriffig gewesen, hatte man nicht gemerkt, wie hier ein Abhängigkeitsverhältnis zum Machtmissbrauch führte? Hatte man nicht realisiert, wie man sich für Pädophile stark machte, während man doch glaubte, sich für eine liberale Sexualität einzusetzen, die nicht ausschließlich heterosexuell orientiert war? Wer sich derzeit Lena Maria Thürings neueste Arbeit „Kreide fressen“ im Museum für Gegenwartskunst Basel ansieht, kommt nicht umhin an eine Debatte zu denken, die aktuell auch im deutschsprachigen Feuilleton geführt wird. Die Zürcher Künstlerin, die immer schon ein gutes Gespür für Konflikte hatte, deren Narration über den eigentlichen Fall hinausweisen, greift mit ihrem Film ein Beispiel von sexuellem Missbrauch auf. Ein Primarlehrer hatte sich über Jahre an seinen Schülern vergriffen. Dass man von seiner Neigung wusste, führte zu keinen Konsequenzen, Eltern, deren Söhne betroffen waren, stellten sich vor den Lehrer, die Schüler gingen in Distanz zu Alex, der am stärksten unter den Übergriffen zu leiden hatte. Am Ende kam der Fall dann doch vor das Gericht.

Im Museum für Gegenwartskunst Basel stehen drei Projektionswände im Raum, auf denen die Schauspieler Jan Viethen, Claudius Körber und Milian Zerzawy zu sehen sind. Die Sprecher tragen einfache Shirts, an denen die Mikrophone befestigt sind. Mitunter sieht man das Manuskript, von dem die drei Darsteller ihren Text ablesen. Ihr Gesichtsausdruck ist mal treuherzig, mal neutral, je länger die Kamera jedoch auf ihren Mienen verbleibt, desto verletzlicher wirken sie. Vielleicht ist dies aber auch nur eine Projektion, der man sich als Betrachter nicht entziehen kann, da das Setting selbst derart neutral ist. Den drei Sprechern sind eindeutig umrissene Charaktere zugeordnet, indem sie sich erinnern baut das Gesagte einen Spannungsbogen auf, der bis zu dem Punkt reicht, an dem sich die Freunde alle wiedertreffen.

Viel ist in dieser Arbeit, die eigens für den Manor-Kunstpreis Basel produziert wurde, im Zusammenhang mit der Schule von Hygiene zu hören. Die Tafel muss unentwegt gewischt werden, die Hände des Lehrers riechen nach Seife und da sind noch die Rituale des Nacktbadens nach dem Schwimmunterricht mit abschließendem Abtrocknen. Dieser vermeintlichen Hygiene stehen das vernachlässigte Äußere von Alex gegenüber, der Schmutz, die Scham, die Schuld. Als die Schüler gemeinsam mit ihrem Lehrer auf einer Hütte den Abschied von der Primarschule feiern, eskaliert die Situation.

Lena Maria Thüring hat mit den ehemaligen Schülern Interviews geführt und diese auf drei Sprecher kondensiert. Mitunter sprechen die Männer das erste Mal über das Vergangene. Das Kind, das seinen Eltern von den Übergriffen erzählen wird, bekommt in „Kreide fressen“ keine Stimme. Erinnerungslücken werden offensichtlich, das Mauern, das Verschleiern und es wird deutlich, wie sehr die Erwachsenen die Kinder im Stich gelassen haben. Kreide fressen, das bedeutet, jemanden zu täuschen durch das Vorspielen von Friedfertigkeit, in Lena Maria Thürings Arbeit glaubt man in der Redewendung auch eine Kritik herauszuhören: die an einer Institution, die auf der Weitergabe von Gewalt beruht.

Lena Maria Thüring. Manor Kunstpreis Basel 2013

Museum für Gegenwartskunst Basel

St. Alban-Rheinweg 60, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 5. Januar 2014.

Am 3. Dezember 2013, 18.00 Uhr wird der Katalog vorgestellt, im Anschluss findet ein Künstlergespräch statt.

 




Kunstmuseum Basel