16/11/12

Materialgeschichten

Das Schauwerk Sindelfingen stellt in einer großen Überblicksausstellung das Werk von Not Vital vor.

von Annette Hoffmann
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Das Schauwerk Sindelfingen stellt in einer großen Überblicksausstellung das Werk von Not Vital vor. 4811bigdrum.jpg

Es sollen genau 1111 Klingen sein. Anscheinend hat sie jemand durch die Wand gestoßen und der Schaft ist auf der anderen Seite stecken geblieben. Wer an Not Vitals Messerwand im Schauwerk Sindelfingen vorbeigeht, den befällt unweigerlich ein latentes Gefühl der Bedrohung. Zwar sehen die Messer nicht eigentlich scharf aus, doch die Spitzen weisen unmissverständlich in die Richtung des Betrachters. Ein aggressiver Akt – wäre da nicht noch etwas anderes: die Messerklingen, die unterschiedlich lang und in unregelmäßigen Abständen angebracht sind, hinterlassen ein netzartiges Muster auf dem Untergrund. Manche von ihnen werfen gleich mehrere Schatten. Was so zerstörerisch wirkt, schafft eine unerwartete, lebendige Ordnung von großer Schönheit. Es wird ein Scherz von tiefgreifender Bedeutung ganz im Sinne von Not Vitals sein. Der 1948 in Graubünden geborene Not Vital, der einen Teil des Jahres in Peking und Agadez verbringt, verbindet Konträres in seinen Skulpturen. Das Sprach- und Geschmacksorgan, mit dem wir in der Lage sind, feinste Nuancen wahrzunehmen und auszudrücken, vergrößert der Schweizer zu einer monströsen, autonomen Form, deren Oberfläche aus getriebenem Stahl besteht. Die schlanken Lotusknospen, die im Schauwerk an der Wand lehnen, erinnern an Maos Kampagne „Lasst 100 Blüten blühen“, mit der dieser zu mehr Gedanken- und Redefreiheit aufrief, deren Konsequenz er jedoch blutig niederschlagen ließ. Im Kunstraum Dornbirn zeigte Not Vital in diesem Jahr ein gemähtes Feld von 100 liegenden Knospen.

Man kann Not Vitals Werke kaum auf eine eindeutige Formel bringen. Die Materialverliebtheit gehört zu seiner Handschrift. Arbeiten von Not Vital gehen mitunter lange Recherchen voraus. Die getriebene Metalloberfläche von „Tongue“ ließ sich so nur in China herstellen und auch die lavendelfarbene Seife, aus der eine seiner stelenartigen Skulpturen besteht, setzte eine umfassende Materialsuche heraus. Und natürlich sind da noch die Geschichten. Wie ein Kamel in mehrere Silberkugeln passt – in getrocknetem Zustand. Und gerne wüsste man auch mehr von der Bewandtnis des Rehs, dessen rechtes Ohr durch eine Fischplatte ersetzt wurde und das auf eine knapp sechs Meter lange Gipsplatte schaut, die an der Wand lehnt und die Abdrücke vom Fischteller aufweist als handelte es sich um Fußspuren im Schnee. Man wird sich den Schöpfer von „Missing Deer Ear Replaced by a Fish Plate Looking at Rain“ als einen Künstler vorstellen dürfen, der gerne den einen oder anderen Haken schlägt.

Not Vital
Schauwerk Sindelfingen

Eschenbrünnlestr. 15/1, Sindelfingen.

Öffnungszeiten: Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. Januar 2013.
Schauwerk Sindelfingen