29/11/13

Glauben und Zweifeln

Die Amerikanerin Barbara Kruger präsentiert im Kunsthaus Bregenz ihre unübersehbare Wortkunst

von Birgit Kölgen
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Barbara Kruger, Twelve, 2004, Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz, Foto: © Christian Hinz © Kunsthaus Bregenz

Die Amerikanerin Barbara Kruger präsentiert im Kunsthaus Bregenz ihre unübersehbare Wortkunst

Der schöne Schein war ihr Metier. Nach einem Designstudium arbeitete Barbara Kruger als Grafikerin und Bildredakteurin im New Yorker Condé Nast Verlag und gestaltete Zeitschriften wie Mademoiselle oder House and Garden. Aber sie wollte mehr: Fragen stellen und die Wahrheit sagen über Kultur, Konsum, Verdrängung und andere heikle Dinge des Lebens. Um 1970 begann die junge Frau mit den wilden roten Locken, ihr Wissen über die Wirkung von Fotos, Farben und Schriften anders zu nutzen. Sie schuf eine kritische Kunst, die niemand übersehen kann. Jetzt hat die mittlerweile 68-jährige das Kunsthaus Bregenz in ein grandioses Theater ihrer Botschaften verwandelt. Titel: „Believe and Doubt“, Glauben und Zweifeln.

Arbeiten von Barbara Kruger reißen jeden Betrachter aus der Gleichgültigkeit. Niemand kann den Wörtern entgehen, die uns die Künstlerin in den Weg stellt, hängt, legt. In der ersten Etage des Kunsthaus Bregenz nutzt sie die gesamte Bodenfläche, um in übermannshohen Großbuchstaben ihre „Suggestions“ in die Welt zu setzen: „Nicht trampeln. Nicht einsperren. Nicht zerdrücken. Nicht schlagen. Nicht stechen, Nicht schießen. Nicht zerschneiden. Nicht beschämen.“ Warum? Das erklärt, auf einem roten Streifen in der Mitte des Saales, ein Zitat der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary McCarthy: „Gewalt lässt uns vergessen, wer wir sind.“ Das ist plakativ, das ist pathetisch. Aber man versteht es sofort – wie die Schlagzeilen von Boulevard-Blättern. Barbara Kruger, die mit subtilen, kleinen Collagen begonnen hat, arbeitet heute unmissverständlich. Und sie liebt klare Aussagen wie Franz Kafkas Satz: „Der Sinn des Lebens besteht darin, dass es endet.“ Als „Reminder“ hat sie die Erkenntnis auf die fünf Meter hohen Wände des dritten Stocks schreiben lassen. Man tritt zurück – und nimmt Krugers Satzkunst etwas langsamer auf als einen Werbespruch auf einem x-beliebigen Plakat. Dafür bohren sich die Worte in die Wahrnehmung. Einige Kruger-Sätze, wie die bittere Descartes-Variation „I shop therefore I am“ wurden bereits zu geflügelten Worten. Um auf jeden Fall verstanden zu werden, arbeitet sie im deutschsprachigen Raum meistens mit Übersetzungen – so provozierte sie 2002 in Frankfurt die Kaufhofkunden mit dem Slogan: „Du willst es. Du kaufst es. Du vergisst es.“ Ob der Umsatz zurückging, ist nicht bekannt. Diskussionen wird es auf jeden Fall gegeben haben.

Die Tücken der Kommunikation sind ein neueres Thema von Barbara Kruger. Seit zehn Jahren arbeitet sie auch mit Ton und Projektion. 2004 entstand die vierteilige Video-Installation „Twelve“, für die sie zwölf kleine Drehbücher schrieb, die sie von Schauspielern sprechen ließ. Die Akteure lesen ihre Texte zwar von einem Teleprompter ab, agieren aber so professionell, dass alles ganz natürlich wirkt. Im zweiten Stock des Kunsthauses sitzt der Besucher mitten drin in einem großen Lamento und Gezeter und versucht herauszufinden, worum es eigentlich geht: Familie, Politik, Liebe?

Zwei Freundinnen streiten um einen Mann: „And I trusted you“ – ich habe dir vertraut. Einer fein frisierten blonden Dame passt offensichtlich die Nachlässigkeit ihrer Kinder nicht. Sie zetert, der Vater liest Zeitung. Und unter den überlebensgroßen Köpfen laufen Textbänder mit unausgesprochenen Sätzen: „I hate the sound of her voice“, ich hasse den Klang ihrer Stimme, oder auch schlichte Fragen: „What’s her problem“, was ist ihr Problem? Eine Viertelstunde lang wechseln die Gesichter und die gereizten Gespräche. Man ist fasziniert, lauscht wie ein ungebetener Zeuge und fragt sich am Ende, ob man selbst auch immer wieder am Anderen vorbeiredet wie das Barbara Krugers Videomenschen tun.

Eigentlich ist das schon genug Inspiration für einen Kunsthaus-Besuch. Aber wie immer hat Eva Birkenstock in der KUB-Arena, noch eine weitere, ambitionierte Show arrangiert. Nach einem Konzept der spanischen Künstlerin Dora García (*1965) gibt es dort tanztheaterhafte Performances zu Lesungen aus Texten von Jacques Lacan. In ihrer „Sinthome-Partitur“ behandelt García, wie man hört, das Imaginäre, Symbolische und Reale schlechthin und verweist auf das Unterbewusste. Da wünscht man sich ein klares Wort von Barbara Kruger.            

 

Barbara Kruger: Believe + Doubt.

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz 1, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 12. Januar 2014.




Kunsthaus Bregenz