28/11/13

Der große Spagat

Vor Weihnachten bricht die Zeit der Jahresausstellungen an. Last oder Lust? Wir haben bei Fabrice Stroun, Ines Goldbach und Sabine Rusterholz Petko nachgefragt.

von red.

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Aleschija Seibt, o.T., 2013, Courtesy die Künstlerin

Vor Weihnachten bricht die Zeit der Jahresausstellungen an. Last oder Lust? Wir haben bei Fabrice Stroun, Ines Goldbach und Sabine Rusterholz Petko nachgefragt.


Die Zeitrechnung der Kunsthallen und Kunstvereine ist verlässlich: Elf Monate lang blicken sie über den Tellerrand hinaus in die Welt, im letzten Monat aber widmen sie sich dem Teller selbst. Die traditionellen Weihnachtsschauen, an denen sich die lokalen Kunstszenen früher präsentierten, wurden in den letzten Jahren zunehmend von regionalen Groß-Kooperationen abgelöst. So findet die „Regionale“ am Oberrhein mittlerweile in 16 Häusern in Deutschland, Frankreich und der Schweiz statt, die „Cantonale Berne Jura“ in acht Häusern dies- und jenseits des Röstigrabens. Nun scheint sich dieser Trend erneut umzukehren. Die Kunsthalle Bern besinnt sich in diesem Jahr mit einer klassischen Weihnachtsausstellung erstmals wieder auf die Szene vor ihrer Haustür, andere Institutionen entwickeln aus dem Spagat zwischen lokaler und regionaler Vermittlungsarbeit ambitionierte Themenschauen. Pünktlich zum Start der Jahresrückblicke haben wir drei Kuratorinnen und Kuratoren nach ihren Konzepten befragt.     

 

 

 

Fabrice Stroun

Direktor der Kunsthalle Bern

Artline: Worin besteht der Unterschied zwischen der Weihnachtsausstellung der Kunsthalle Bern und einer Ausstellung der „Cantonale Berne Jura“?

Fabrice Stroun: Die „Cantonale Berne Jura“ ist eine Ausstellung von Kunstschaffenden aus der Region. Die Weihnachtsausstellung ist eine Ausstellung von Kunstschaffenden aus der Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung. Ich weiss nicht, wie sehr sich Künstler heutzutage mit ihrer Region identifizieren. Klar ist aber, dass das kulturelle Geflecht von Städten grossen Einfluss nimmt auf die Art, wie Künstler ihre Netzwerke aufbauen und Praktiken entwickeln.


Artline: Braucht eine international ausgerichtete Institution wie die Kunsthalle Bern ein Konzept zur Einbindung der lokalen Szene?

Fabrice Stroun: Unsere diesjährige Weihnachtsausstellung bietet eine gute Gelegenheit, um einen Einblick in die zeitgenössische Kunstproduktion unserer Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung zu gewähren. Sie erlaubt es der Kunsthalle Bern als öffentliches Forum zu agieren. Die Kunsthalle wurde ursprünglich von Berner Künstlern nach dem institutionellen Modell des 19. Jahrhunderts eines permanenten, öffentlichen „Salons“ gegründet, um das lokale Kunstschaffen zu präsentieren. Obwohl sich die Aufgabe der Kunsthallen seither grundlegend gewandelt hat, ist es grossartig, dass uns dieses Format erlaubt an unsere Anfänge anzuknüpfen.

 

Artline: Wie beurteilen Sie den Zustand der Berner Kunstszene?

Fabrice Stroun: Bern ist eine kleine Stadt, die einiges zu bieten hat: eine Kunsthochschule, teilweise subventionierte Atelierräume, kommerzielle Galerien, öffentliche Institutionen und eine lebendige alternative Szene. Wie in allen Städten gibt es bei uns viele Künstler, die verschiedenen Szenen angehören. Sei es, dass sie zu der überschaubaren Galerienszene zählen, während andere im Umfeld, der vielen unabhängigen Kunsträume und anderen sozialen Treffpunkten zu finden sind. Diese Heterogenität ist ein Hinweis auf den kulturellen Reichtum unserer Stadt. Unsere Weihnachtsausstellung ist per Definition ein subjektiver Versuch, diese Vielfalt abzubilden.

 

 

Ines Goldbach

Direktorin des Kunsthauses Baselland

Artline: Das Kunsthaus Baselland gehörte zu den ersten Institutionen, in denen die „Regionale“ im Jahr 2000 an den Start ging. Wie wichtig sind Konzepte wie das der Regionale zur Einbindung der lokalen Szene?

Ines Goldbach: Konzepte sind als Grund- oder Denkgerüst gut, wichtiger aber sind Flexibilität und Wandlungsfähigkeit, um vorgängig gemachte Konzepte, wenn es denn nötig ist auch wieder über Bord zu werfen. Es braucht daher vor allem Lust und Offenheit, das Regionale aufzuspüren und immer wieder neu zu entdecken – und da kann man sich glücklich schätzen, dass die Region Basel so viel zu bieten hat und einem daher kaum die Lust ausgehen wird.

 

Artline: Seit 2001 findet die „Regionale“ als trinationale Ausstellung statt. Sie ist somit nicht nur Schaufenster der regionalen Szenen, sondern ermöglicht auch Vergleiche. Lassen sich unterschiedliche nationale Ausprägungen der Kunst beobachten, die im Dreiländereck entsteht?

Ines Goldbach: Die Kunst hält sich ja selten an Ländergrenzen, Künstlerinnen und Künstler bewegen sich doch ständig im internationalen Raum. Man lebt vielleicht in Mulhouse, Karlsruhe oder Basel, hat aber Ausstellungen in England, den USA oder anderorts. Weder die Kunst noch die Künstler sind an einen Ort gebunden; man spürt vielleicht eher, dass es an dem ein oder anderen Ort Hochschulen oder Akademien gibt, die bestimmte Schwerpunkte verfolgen und eine höhere Dichte an Kreativen anziehen.

 

Artline: Ihre diesjährige Ausstellung trägt den Titel „Being Specific“. Was ist die Intention?

Ines Goldbach: Gemeint ist damit, dass die 20 eingeladenen Künstlerinnen und Künstler mit den gegebenen Räumen des Kunsthauses Baselland arbeiten und umgehen. Es werden einerseits neue Arbeiten explizit für die Regionale entstehen und anderseits werden die Künstler mit bestehenden Arbeiten auf den Ort eingehen. Das ist eine grosse Chance, wenn so etwas Neues entstehen kann. Das sollte man im Übrigen mit jeder Ausstellung versuchen.

 

 

Sabine Rusterholz Petko

Direktorin des Kunsthauses Glarus

Artline: Sie zeigen zum Jahreswechsel eine Ausstellung, die den Titel „Glarus und Linthgebiet I-Q“ trägt. Das klingt nach praktizierter Demokratie. Kann es die bei Jahresausstellungen geben?

Sabine Rusterholz Petko: Unsere unjurierte Jahres­ausstellung ist in der Schweiz mittlerweile fast einzigartig. Jeder, der sich als Künstler versteht, kann seine Werke bringen und einer Öffentlichkeit zeigen. Die einzige Schwelle für eine Teilnahme ist die Mitgliedschaft im Glarner Kunstverein. Das Resultat ist ein kurioses und teilweise auch überraschendes Sammelsurium. Für die Kunstschaffenden und das Publikum vor Ort ist das ein wichtiger Anlass. Und es kommen Leute, die sonst nicht im Kunsthausanzutreffen sind.

 

Artline: Hatten Sie noch nie das Bedürfnis, diese Weihnachtsausstellung zu jurieren?

Sabine Rusterholz Petko: In einem Turnus von vier Jahren gibt es bei uns auch eine jurierte Jahresausstellung. Wir machen dabei aber die Erfahrung, dass das nicht jedes Jahr möglich wäre. Glarus ist ein kleiner Kanton und hat keine Kunsthochschulen vor Ort. Die Dichte an Kunstschaffenden ist dementsprechend gering und in der Jahresausstellung gäbe jedes Jahr ein Déjà-vu. Deshalb bevorzugen wir ein jährliches Kuriositätenkabinett. Da gibt es immer wieder auch Überraschungen. Wir haben ausserdem ja einen jurierten Fokus-Preis, mit dem eine Position aus der Jahresausstellung im Folgejahr eine Einzelausstellung erhält. Daneben haben wir einen Publikumspreis eingerichtet. Da zeigen sich ganz unterschiedliche Massstäbe.

 

Artline: Welche Bedeutung hat die Jahresaus­stellung für Glarus und das Linthgebiet?

Sabine Rusterholz Petko: Die Vernissage der Jahresausstellung bricht bei uns regelmässig Besucherrekorde. Einfach schon deshalb, weil alle Freunde und Familien dabei sind. Für das regionale Kunstschaffen ist das natürlich eine wichtige Plattform, die Arbeiten in einem professionellen Ausstellungshaus zu zeigen und von einem grossen regionalen Publikum wahrgenommen zu werden. Und die Schwelle, auch sonst mal ins Kunsthaus zu kommen, wird vielleicht niedriger.

 

Auswahl 2013

7. Dezember 2013 bis 5. Januar 2014

— Aargauer Kunsthaus, Aarau.

http://www.aargauerkunsthaus.ch

 

Regionale 14

28. November 2013 bis 5. Januar 2014

— Diverse Orte in Basel, Freiburg, Hégenheim, Liestal, Mulhouse, Strasbourg und Weil am Rhein.

http://www.regionale.org

 

Cantonale Berne Jura 2013/14

8. Dezember 2013 bis 26. Januar 2014

— Diverse Orte in Bern, Biel, Interlaken, Langenthal, Moutier, Le Noirmont, Porrentruy und Thun.

http://www.cantonale.ch

 

Weihnachtssaustellung 2013/14

14. Dezember 2013 bis 12. Januar 2014

— Kunsthalle Bern.

http://www.kunsthalle-bern.ch

 

Jahresausstellung der Bündner KünstlerInnen

8. Dezember 2013 bis 19. Januar 2014

— Bündner Kunstmuseum, Chur.

http://www.buendner-kunstmuseum.ch

 

Kunstschaffen Glarus und Linthgebiet I-Q 2013

8. Dezember 2013 bis 19. Januar 2014

— Kunsthaus Glarus.

http://www.kunsthausglarus.ch

 

Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen

7. Dezember 2013 bis 16. Februar 2014

— Kunstmuseum Luzern.

www.kunstmuseumluzern.ch

 

Ernte 13

Bis 5. Januar 2014

— Museum Allerheiligen, Schaffhausen.

http://www.allerheiligen.ch

 

29. Jahresausstellung der Solothurner Künstlerinnen und Künstler

1. Dezember 2013 bis 26. Januar 2014

— Kunstmuseum Olten.

http://www.kunstmuseumolten.ch

 

Mitgliederausstellung

10. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014

— Badischer Kunstverein, Karlsruhe.

http://www.badischer-kunstverein.de

 

Unjuriert: Jahresausstellung der Mitglieder

7. Dezember 2013 bis 2. Februar 2014

— Kunstverein Konstanz.

http://www.kunstverein-konstanz.de

 

Weihnachtsausstellung 2013/14

29. November bis 22. Dezember 2013

— Galerie der Stadt Tuttlingen.

http://www.galerie-tuttlingen.de

 

Weihnachtsausstellung der Mitglieder des Kunstvereins

22. November bis 15. Dezember 2013

— Kunstverein Passau.

www.kunstverein-passau.de