12/11/13

Spielzeugpuppen mit Charakterköpfen

Grimmige Geister, deformierte Frauen, spuckende Hasen: das figurative Schaffen von Thomas Schuette in der Fondation Beyeler

von Florian Weiland
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Thomas Schütte, United Enemies, 2011, © 2013 ProLitteris, Zürich, Foto: Nic Tenwiggenhorn

Grimmige Geister, deformierte Frauen, spuckende Hasen: das figurative Schaffen von Thomas Schuette in der Fondation Beyeler

Auf einmal kommt man sich ganz klein vor. Übermächtig ragen die vier Meter hohen „United Enemies“ von Thomas Schütte neben einem auf und lassen die Ausstellungsbesucher im Foyer der Fondation Beyeler zu Zwergen schrumpfen. Sie wirken bedrohlich und sind doch nur komisch. Es sind siamesische Zwillinge, aneinandergekettet, zur Einheit verdammt. Die grotesken Fratzen zeigen deutlich ihr Missvergnügen an dieser Situation. Die beiden tonnenschweren Kolosse wurden ursprünglich für den Außenraum geschaffen. Nun sind sie erstmals im Innenraum zu sehen. Man hat den Eindruck als seien sie im Museum eingesperrt worden. Die Vorlagen zu diesen beiden Ungetümen sind vergleichsweise klein, gerade mal 30 Zentimeter hoch. Wir begegnen ihnen in der Ausstellung wieder, geschützt unter Glasstürzen. Ihre Körper bestehen aus Holzstöcken, ihre Kleidung aus Klopapier und Stoff, die Gesichter hat Thomas Schütte aus Fimo modelliert: Spielzeugpuppen mit Charakterköpfen. Sie gleichen Karikaturen.

An Thomas Schütte ist in diesem Herbst kein Vorbeikommen. Gleich vier große Ausstellungen sind dem deutschen Künstler (*1954) gewidmet – in Berlin, Essen, Luzern und Basel. Die Schau in der Fondation Beyeler konzentriert sich auf seine Skulpturen und Zeichnungen und setzt auf Kontraste. Miniaturfiguren aus Knetmasse stehen neben den überlebensgroßen stählernen „Frauen“ und mächtigen Bronzeskulpturen. Dazu sind skizzenhaft zarte Zeichnungen sowie die Fotoserie „Innocenti“ zu sehen, die aus 31 Nahaufnahmen seiner grotesken Fimo-Gesichter besteht. Entstellte, maßlos überzeichnete Fratzen. „Die schrecklichen und hässlichen Sachen lassen sich viel einfacher darstellen als die schönen“, erklärte Thomas Schütte an der Pressekonferenz. Und: Seine Ausstellung richte sich nicht an Spezialisten, sondern an das „unbeleckte Publikum“. Sein Werk solle all jene ansprechen, die sich für „Material, Form, Licht, Raum und Geschichten“ begeistern können. Tatsächlich fordert Schüttes bizarre Skulpturengalerie den Betrachter ständig heraus. Doch wie sollen wir darauf reagieren? Seine Skulpturen wirken auf den ersten Blick martialisch – und sind doch vor allem eines: lächerlich. Die vier „Großen Geister“ gleichen überdimensionierten Michelinmännchen und seine „Krieger“ gebärden sich zwar überaus zornig und furchterregend, doch ihre Körper sind seltsam ungelenk. Ihre Helme bestehen aus Flaschendeckeln. Soll man diese Krieger ernst nehmen? Durchaus ernst meint es Schütte dagegen mit der Skulpturengruppe „Die Fremden“, die er erstmals 1992 auf der Documenta 9 in Kassel zeigte. Schütte reagierte mit den lebensgroßen, bunten Keramikskulpturen auf die Kriegsflüchtlinge, die in Deutschland Asyl suchten, und auf ihre brennenden Unterkünfte zu Beginn der 1990er Jahre. Das Thema bleibt von trauriger Aktualität. „Die Fremden“ stehen nun auf dem Dach der Fondation. Mit Koffern, Säcken und Gefäße. Sind sie willkommen? Woher kommen sie, wohin werden sie gehen?

Ein großer Saal ist ganz seinen Frauenskulpturen gewidmet. Sie haben kein reales Vorbild. Kunstgeschichtlich greift der in Düsseldorf lebende Künstler das klassische Motiv des liegenden Akts auf. Doch Rumpf, Glieder und Kopf seiner Venusfiguren sind nur rudimentär ausgebildet. Die deformierten weiblichen Körper sind nicht erotisch und haben doch eine faszinierende Ausstrahlung. Gerade bei dieser Skulpturengruppe ist gut zu beobachten, wie wichtig Schütte die Mehransichtigkeit seiner Figuren und die Wahl des Materials – Bronze, Stahl und Aluminium – ist. Vom großen Ausstellungssaal schließlich geht der Blick hinaus in den Park der Fondation Beyeler, wo die Werkschau ihre Fortsetzung findet. Es ist vor allem eine vier Meter große Figur, die alle Blicke auf sich zieht. Ein fetter Hase thront im Gartenteich und speit munter Wasser. Eine kuriose Figur. Ihr Entwurf geht auf eine Knetfigur von Thomas Schüttes Tochter zurück. Doch in diesem Riesenformat bekommt das Kindliche etwas Dämonisches.      

Thomas Schütte: Figur.

Fondation Beyeler

Baselstr. 101, Riehen/Basel.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 2. Februar 2014.


Thomas Schütte: Houses.

 

Kunstmuseum Luzern

Europaplatz 1, Luzern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 10. Februar 2014.




Fondation Beyeler
Kunstmuseum Luzern