11/11/13

Drei Zeitebenen in der Gegenwart

Die Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz suchen nach einer Ästhetik jenseits des Patriachats

von Carmela Thiele
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Pauline Boudry/Renate Lorenz, Salomania, 2003, Filmstill

Die Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz suchen nach einer Ästhetik jenseits des Patriachats

Yvonne Rainer erläutert dem jungen Performer Wu Tsang ihren Tanz der Salomé: „Der Ball ist für mich ein Symbol für das Haupt von Johannes des Täufers gewesen“. Wu Tsang tanzt nach, was die Performance-Pionierin in den 1970er Jahren choreographiert hat, lässt den Ball fallen und nimmt ihn in einer fließenden Bewegung wieder auf. Sie reden über Alla Nazimova, eine Stummfilm-Diva und Salomé-Darstellerin, die Rainer zu dem Stück inspiriert hat. Die Schweizer Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz verknüpfen in ihrem Film „Salomania“ (2009) Ausschnitte aus dem historischen Nazimova-Film mit Reportage-Elementen und einem Reenactment, das alle drei Zeitebenen in die Gegenwart holt. Ihre Arbeit macht deutlich, wohin die Reise geht im Werk dieses international agierenden Künstlerinnen-Duos, das der Badische Kunstverein als erste Institution in Deutschland zeigt. Es geht um eine Suche, die als gescheitert galt und heute zu einer Angelegenheit der Subkultur geworden ist: Die Suche nach einer Ästhetik – nicht nur nach Themen – jenseits der männlich geprägten Ordnungen, Bezüge und Traditionen. Schon der Titel der Ausstellung „Patriarchal Poetry“ ist ein Statement. Er spielt auf den gleichnamigen Text der Schriftstellerin Gertrude Stein an, der sich mit der Literatur auseinandersetzt, die nahezu gänzlich aus der Perspektive einer patriarchalischen Ordnung geschrieben ist. Die Dichterin und Kunstsammlerin war von der bisexuellen Anlage des Menschen überzeugt und lebte seit 1910 mit Alice B. Toklas zusammen.

Ein zentrales Moment im Werk von Boudry/Lorenz ist der Versuch, Hierarchien wahrzunehmen und, wenn möglich, zu neutralisieren. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Ihr Projekt „Toxic“ (2012) begann mit Überlegungen zum Begriff. Als „toxisch“ würde das Kunststoff-Spielzeug aus China bezeichnet, nicht aber die Arbeitsbedingungen dort, beschreibt Renate Lorenz den Beginn ihrer Assoziationskette. Auf diese Weise kam der gleichnamige Film zustande, in dem nicht nur giftige Pflanzen vorkommen, sondern auch eine giftige Atmosphäre entsteht, wenn eine Drag Queen sich in der Interviewsituation verhört fühlt und verbal die Regisseurinnen angreift. Auch hier geht es um die Entlarvung einer hierarchischen Situation, die bei Filmaufnahmen sich einstellen. Was die zwischen Glamour und Trash inszenierte Figur vorbringt, ist zudem eine Wiederaufführung eines Interviews von Jean Genet, die Kontroverse ist ein weiteres Zitat. Das Werk des Künstlerinnen-Duos ist zwar zeitgemäß medial reflektiert, aber teilweise so dicht und verschachtelt, dass die Botschaft unkenntlich wird. Ihre Stärke liegt in der archäologischen Spurensuche. Die Wurzeln der Queer Culture, einer künstlerischen Praxis, die sexuelle Orientierung über das traditionelle Rollenschema hinaus erforscht, sind keinesfalls Allgemeingut. Aufnahmen aus dem Pariser Polizei-Archiv von 1870 etwa zeigen Schwule und Lesben im bürgerlichen Habitus. Schnappschüsse aus London von 1927 und aus Berlin von 1938 dagegen belegen die brutale Kriminalisierung von homosexuellen Männern und Frauen.

Ein komplexeres Fundstück von Boudry/Lorenz ist eine Komposition der experimentellen Komponistin Pauline Oliveros, die sich mit dieser Arbeit auf das radikal-feministische Manifest SCUM der Schriftstellerin Valerie Solanas bezieht. Absichtlich ließ Oliveros Tonhöhen und Rhythmen unbestimmt, um eine „kontinuierliche Zirkulation der Macht“ zu erreichen. In dem für den Film aufgeführten Konzert gelingt es den Musikerinnen tatsächlich sich gegenseitig aufzuheben, was aber im Endeffekt eine unfreiwillig komische Performance zur Folge hat.

Soll der Betrachter auf seine Erwartungen zurückgerufen werden, sich als Teil des Bühnengeschehens fühlen, als Sklave seiner Projektionen? Es bleiben viele Fragen offen in dieser Ausstellung, die aber einen posiviten Effekt hat: Dass die Queer Culture - auch jenseits der Szene - wieder zum Thema wird.


Pauline Boudry & Renate Lorenz: Patriarchal Poetry.

Badischer Kunstverein

Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr. Bis 24. November 2013.

14. November 2013, 19.00 Uhr Kerstin Stakemeier, Eine wesenshafte Realität. Zur künstlerischen Arbeite gegen die Kulturgeschichte

23. November 213, 19.00 Uhr Künstlerinnegespräch mit Pauline Boudry und Renate Lorenz




Badischer Kunstverein