05/11/13

Guess who's coming to dinner?

Drei an einem Tisch: Fabian Marti, Claudia Comte und Omar Ba im Centre PasquArt

von Dietrich Roeschmann
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Claudia Comte, Eye to Eye, 2013, Ausstellungsansicht CentrePasquArt 2013, Courtesy the artist and BolteLang, Zürich, Foto: Patrick Christe

Drei an einem Tisch: Fabian Marti, Claudia Comte und Omar Ba im Centre PasquArt

Seit ein paar Jahren gibt es in der Kunst einen vitalen Hang zur Gastlichkeit. Künstler kochen für ihr Publikum, Performances münden in ausgelassenen Partys, Galeristen laden zur Vernissage in ihre Privatwohnung. Die US-Kuratorin Olga Stefan widmete dem Phänomen kürzlich gar eine eigene Ausstellung. Ihre Schau im Zürcher Off-Galerie-Hotel „The Proposal“ kreiste um das prekäre Verhältnis zwischen Gastgeber und Gästen, das im besten Fall eine temporäre Glücksgemeinschaft unter Fremden oder Freunden stiftet, im weniger guten Fall aber auch zum Eiertanz um Etikette und Hausrecht ausarten kann.

So gesehen ist Fabian Marti (*1979) ein guter Gastgeber. Im Februar 2013 zimmerte er im brasilianischen Bahia eine großzügige Zwei-Personen-Hütte aus rosa Bauholzplatten zusammen und nannte das Palmen umsäumte Strandidyll schlicht „Twohotel“ – eine Anspielung auf Alighiero Boettis „One Hotel“ im Kabul der frühen Siebziger, dem der Mexikaner Mario Garcia Torres an der documenta 13 eine viel beachtete Recherche-Arbeit gewidmet hatte. Anders als das historische Vorbild ist Fabian Martis Hotel jedoch nicht in erster Linie Herberge und Rückzugsraum, sondern als Gemeinschaftsatelier für Gäste und Gastgeber konizpiert und zugleich ein Ort künstlerischer Tauschwirtschaft. Und das geht so: Künstler, die Marti besuchen, revanchieren sich für den Aufenthalt mit einem Werk, für das sie wiederum eine Arbeit von Marti erhalten. Neu sind solche Deals unter Ausschluss der Galerie natürlich nicht. Dass dieses Projekt nun aber in Form einer Soloschau von Fabian Marti im Centre PasquArt in Biel präsentiert wird, entbehrt dennoch nicht einer gewissen Ironie. Tatsächlich ist hier nämlich bis auf einen hübschen 1:1-Nachbau des „Twohotels“ und ein paar ältere Werke wie die getöpferten Target-Paintings oder die mit Oktopussen gefüllten „White Cubes“ aus Keramik keine einzige aktuelle Arbeit von Marti zu sehen – logisch, denn die stehen ja bei seinen Freunden zuhause. Stattdessen zeigt der Part-Time-Hotelier deren Arbeiten, die als Tauschobjekte nun zu Stellvetretern seines abwesenden Werks wurden. Das ist nicht nur klug gedacht, sondern auch überraschend kurzweilig, denn immerhin hat Marti hier Arbeiten von 41 Künstlerfreundinnen und -freunden mitgebracht und liefert damit ganz nebenbei eine Art Grasswurzel-Version der Überblicksausstellungen, in denen die „junge Szene“ derzeit so gerne präsentiert wird. Natürlich könnte man das Ganze auch als Ego-Show eines umtriebigen Networkers abtun. Das aber würde übersehen, dass Marti die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen hier bewusst verschwimmen lässt und so Themen wie Freundschaft, kollektive Autorschaft und Tauschhandel – sowohl materiell als auch im Sinne gegenseitiger Inspiration – in den Fokus rückt. Auf schöne Weise setzt sich dieser Gemeinschafts-Flow in der limitierten Publikation fort, einer Art Gästebuch des „Twohotels“.

Fließend sind auch die Grenzen zwischen Martis Schau und der als Doppelausstellung angekündigten Präsentation von Claudia Comte (*1983) und Omar Ba (*1977), die zeitgleich im Centre Pasquart zu sehen ist. Ba, im Senegal geboren, lebt und arbeitet seit langem in Genf, wo er großformatige, von ornamentalen Störfeuern durchzuckte Malereien entwirft, die einen Spagat zwischen Ethno-Folk, Mystik und einer Agitprop-artigen Kritik an der UN-Politik in Krisenregionen probt. Raum um Raum verteilen sich seine enigmatischen, von schamanenhaften Figuren bevölkerten Bilder über ein halbes Stockwerk, bis nach und nach Claudia Comte mit einer Serie abstrakter Holzschnitte dazwischengrätscht und den Ausstellungsparcours in eine andere Richtung lenkt. Die Lausanner Künstlerin arbeitet mit Kettensäge und Flammenwerfer an der Wiedergeburt der klassischen Moderne aus dem Geist des Comics. Das Ergebnis ist so witzig wie atemberaubend. Gediegen bearbeitete Skulpturen im Arp- oder Brancusi-Look bespielen hier eine mutwillig verkohlte Bühne, während im Nebenraum, dessen Wände komplett mit einem psychedelischen Zick-Zick-Muster überzogen sind, zwölf stilisierte Augenpaare frech in den Saal glotzen und so Walt Disneys „Roadrunner“ zum eigentlichen spiritus rector der Konkreten Malerei mutieren lassen. Sehr cool.           

 

Claudia Comte & Omar Ba / Fabian Marti: Hotel Hotel.

Kunsthaus Centre PasquArt

Seevorstadt 71-73, Biel.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 24. November 2013.




Kunsthaus Pasquart