04/11/13

Der Künstler will nur spielen

Das Aargauer Kunsthaus bereitet dem Phänomen Dieter Meier eine Retrospektive

von Annette Hoffmann
Thumbnail

 

meiershoot.jpg

Dieter Meier, This Man will Not Shoot, Performance, 25. Februar 1971, The New York Cultural Center, New York, Courtesy the artist

Das Aargauer Kunsthaus bereitet dem Phänomen Dieter Meier eine Retrospektive

Was würden Sie tun, wenn Ihnen auf einer Vernissage ein Mann mit einer gezückten Waffe gegenüberstände und das Schild zu seinen Füßen behauptete: „This man will not shoot“? Nicht an diese Ankündigung glauben und schnell das Weite suchen? Fotos von Dieter Meiers Aktion in The New York Cultural Center aus dem Jahr 1971 zeigen, dass nach einer Weile Ruhe eingekehrt sein muss. Fast unbeteiligt musterten Vernissagebesucher den Schweizer. Dieser Künstler will nur spielen, durfte das Resümee am Ende des Abends gelautet haben. Kurz darauf war er an der Ecke 57th Street/8th Street anzutreffen, wo er Passanten für einen Dollar ein Ja oder Nein abkaufte. Im Gegenzug sprachen sie das jeweilige Wort auf ein Band und erhielten dafür ein Zertifikat. Für einen Dollar bekäme er allenfalls ein Vielleicht, beschied ihm damals eine New Yorkerin. Ein Vielleicht kannte Meier (*1945), der eine Weile als Pokerspieler sein Geld verdiente, Performances machte, Fotografien, Filme und auch Essays schrieb, nicht. Liest man Interviews mit Dieter Meier, kann man den Eindruck gewinnen, er hätte all das nicht gewollt. Nicht die frühe Aufmerksamkeit, die er für erste Arbeiten wie „5 Tage“ bekam – 1969 zählte er im Verlauf einer Arbeitswoche jeweils 1.000 Schrauben vor dem Kunsthaus Zürich ab und packte sie in Plastiksäcke –, nicht der Erfolg mit dem Elektro-Popduo Yello – die Videos, die er und Boris Blank produzierten, liefen auf MTV und wurden so etwas wie die Blaupause für die Musikclipbranche. Einzig die Bioprodukte, die Dieter Meier auf seinem Weingut und der Rinderfarm in Argentinien produziert, scheinen vor ihm selbst Gnade zu finden. Es mag damit zu tun zu haben, dass der Bankierssohn Meier nie etwas wollen musste und sich ganz unabhängig von der Kunstszene positionieren konnte.

 meiertwowords.jpg

Dieter Meier, Two Words,  1971 Performance, 25.2.1971, 57th Street/8th Avenue, New York, Foto: Jean Haubensak

Dafür, dass er nie etwas wollte, ist in seiner Retrospektive im Aargauer Kunsthaus ziemlich viel zusammengekommen. Neben Zertifikaten von „Two Words“ sind es Fotodokumentationen, Texte und Presseartikel über Performances, frühe Videos und Fotografien. Man kann hier aber auch eine gute halbe Stunde Yello-Videos sehen und den subversiven Charme der Achtziger noch einmal erleben. Nicht wenige Arbeiten Meiers spielen mit dem Vergeblichen. Welchen Sinn soll es haben, eine Arbeitswoche lang Schrauben abzuzählen, wenn nicht den, dem Betrachter die Zwecklosigkeit seines eigenen Erwerblebens vorzuführen? 1970 lief er für eine Stunde eine abgemessene Strecke über den Zürcher Bellevue-Platz. Mit wehenden Rockschößen und unbeteiligter Miene durchkreuzte Meier die Routine dieses Ortes. Die Journalisten der Zürcher Tagespresse kommentierten dies mit dem süffisanten Unterton jener, die wissen, dass sie für die Publicity eines Künstlers eingespannt werden.

Dieter Meier hat eine Form des Dandyismus perfektioniert, die mit dem Misslingen spielt. Wenn er 1974 in feinem Tuch auf Wiesen und vor Parklichtungen in die Höhe sprang, verband er Eleganz mit dem clownesken Scheitern. Und als er 1972 bei der documenta auf einer Metallplatte ankündigte, er werde hier 22 Jahre später eine Stunde lang stehen, forderte er gar das Schicksal auf eine existentielle Weise heraus. Meiers Werke sind ohne die Land-Art, den veränderten Skulpturbegriff, die Debatte um Identitäten und ihre Inszenierungen nicht denkbar. Es scheint, er hatte ein feines Gespür dafür entwickelt, was aktuell war, werden sollte und womit sich Künstler andernorts auseinandersetzten. Immer wieder experimentierte Meier mit Lebensentwürfen. Mitte der 1970er Jahre entstand seine Arbeit „48 Personen“, bei der er durch Haltung, Pose und Kleidung in verschiedene Rollen schlüpfte. 2005 griff er diese Serie auf und ergänzte sie um Farbaufnahmen und kurze Lebensläufe. Etwa den von Pat Leblanc, der in der Bronx aufwuchs, zu Boxen begann, sich aber um die große Karriere betrogen sah, mittlerweile selbst aufstrebende Talente unterrichtete und sich für junge Schwarze engagierte. Das Chamäleon Dieter Meier selbst ist nicht unter diesen Lebensentwürfen. Er dürfte die Schnittmenge von allem sein.

Dieter Meier: In Conversation.

Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00

bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 17. November 2013.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg 2013, 140 S., 38 Euro | 48 Franken.



 

 




Aargauer Kunsthaus