01/11/13

Jenseits des White Cube

Das Kunsthaus L6 zeigt eine Gemeinschaftsausstellung von Schirin Kretschmann und Jens Stickel

von Annette Hoffmann
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Schirin Kretschmann, Jens Stickel, Ausstellungsansicht Kunsthaus L6, Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Das Kunsthaus L6 zeigt eine Gemeinschaftsausstellung von Schirin Kretschmann und Jens Stickel

Ein Boden wie gemalt. In großzügigen Wellenbewegungen verteilt sich die Farbe auf dem Betonboden des Kunsthaus L6. An den Rändern sieht man, wie der breite Mopp kleine Bögen hinterlassen hat. Auch die Bodenarbeiten von Jens Stickel (*1981) sind großzügig ausgespart. Mit ihrem warmen, aber ein bisschen schmutzigen Terrakottaton gibt die Arbeit „Rewind“ von Schirin Kretschmann (*1980) dem Ausstellungsraum eine Fassung. Schon vor Jahren hatte sie mit schmelzendem Wassereis experimentiert, dem sie Lebensmittelfarbe zusetzte und das eingetrocknete Pfützen auf dem Boden hinterließ mit mal dunkleren, mal helleren Farbrändern. Nun hat Kretschmann dieses Werkprinzip auf einen ganzen Raum ausgeweitet.

Wer die von Fiona Hesse kuratierte Ausstellung „Panama“ dieser beiden Absolventen der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe betritt, befindet sich unweigerlich in einem Bild. Die Bodenarbeit gibt dem Raum keine Chance, sich als White Cube zu gerieren. Die Säulen stechen ebenso ins Auge wie der Fensterfries aus Glasbausteinen und auf dem Boden selbst wird jede Unebenheit sichtbar. Die überwiegend großformatigen Bilder Jens Stickels sind in dieses System eingebunden. Nicht eben kollegial, könnte man denken. Schließlich ist der Eingriff in den Raum von Schirin Kretschmann, die ansonsten lediglich ein Video zeigt, nicht dezent. Doch tatsächlich mögen Stickels Bilder an den amerikanischen Expressionismus erinnern, sie sind alles andere als clean. Wer näher hinsieht, bemerkt auf der Leinwand diffuse Spuren, mitunter erkennt man Fußabdrücke. Auf dem Bootslack, mit dem Stickel viele seiner Bilder überzieht, hat sich die Oberfläche beim Trocknen zusammengezogen und kleine Verwerfungen ausgebildet, denen man mit dem Auge folgen kann. Haare sind festgeklebt, an einer anderen Stelle hat anscheinend Abdeckband Farbe mitgerissen, woanders ist der Auftrag selbst unregelmäßig. So eratisch diese Malerei wirkt – die vier monochromen Formate in Blau, Weiß und Gelb „PAM“ sind über Eck gehängt und vermitteln einen starken Raumeindruck –, so sehr reflektieren sie den Prozess ihres Entstehens. Jens Stickel spannt nach ersten Bearbeitungen die Leinwand ab und legt sie auf den Boden, um sie zu knicken, zu falten oder über sie zu laufen. Im Kunsthaus L6 liegen zwei Leinwände unmittelbar auf dem Boden, auf der einen ist eine Art Backsteinstruktur zu erkennen. Grundierungen bleiben sichtbar, das Ansetzen einer anderen Farbe, die reflektierende und kühle Oberfläche des Lackes hält den Betrachter auf Abstand und nimmt den Bildern etwas von ihrer materiellen Schwere. Die große Geste der Malerei, die enorme Wirkung der Farbe und der Oberfläche, zeigt sich in dieser Ausstellung keinen Moment ungebrochen.

Schirin Kretschmann, Jens Stickel, Panama

Kunsthaus L6

Lameystr. 6, Freiburg.

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Freitag 16.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 10. November 2013.

www.freiburg.de/kunsthausl6




Kunsthaus L6