19/11/12

Die Box als Spiegelkabinett

Die Ausstellung „Vidéo Vintage 1963-1983“ zeigt Pionierwerke der Videokunst aus der Sammlung des Centre Pompidou.

von Annette Hoffmann
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Die Ausstellung „Vidéo Vintage 1963-1983“ zeigt Pionierwerke der Videokunst aus der Sammlung des Centre Pompidou.7720ausstellungsansicht.jpg

Videoausstellungen stehen nicht im Ruf sonderlich gemütlich zu sein. Reiht sich doch gewöhnlich eine schwarze Box an die nächste. Ganz anders die Schau „Vidéo Vintage 1963-1983“, die eine Auswahl von Gründungsvideos aus der Sammlung des Pariser Centre Pompidou im Karlsruher ZKM vorstellt. Sessel, kaum weniger vintage als die Videos, und Tische, von verschiedenen Lampentypen schummrig beleuchtet, schaffen eine Wohnzimmeratmosphäre, die den Ausstellungsbesucher zeitlich gut 40 Jahre zurückversetzt. Neben Zimmerpflanzen und Nierentischchen kann man durchaus die Zeit vergessen. Ein Griff in den Zeitungsständer und die jeweilige Werkbeschreibung ist zur Hand. Diese Ausstellungsarchitektur dient nicht allein der Bequemlichkeit des Betrachters, sie ruft auch in Erinnerung, dass das Fernsehen in den späten 1960er Jahren die Wohnungen eroberte. Zur gleichen Zeit wurden die Bilder mobil, tragbare Videokameras kamen auf den Markt, die die Werke, die in Karlsruhe zu sehen sind, erst möglich machten. Auch das technische Equipment wird im ZKM in Wohnzimmerschränken präsentiert.

Das führt in der Ausstellung zu sinnfälligen Rückkoppelungen. Nicht nur ist eine Großprojektion von Valie Exports Arbeit „Facing a Family“ aus dem Jahr 1971 zu sehen, die eine vierköpfige Familie beim Fernsehen zeigt. Das Fernsehprogramm wird lediglich durch das Bildschirmflackern sowie die Reaktionen der Betrachter und den Gesichtsausdruck der Betrachter gespiegelt. Zu den ausgestellten Werken gehört auch die Video-Installation der Ant Farm. Die amerikanische Künstlergruppe hat sich dabei aufgenommen, wie sie ihr eigenes Re-Enactment der Ermordung von John F. Kennedy aus dem Jahr 1963 ansieht. Da wird der Bildschirm zum Spiegelkabinett.

„Vidéo Vintage“ ist in drei Sektionen unterteilt. Während sich der erste Teil mit Performances und filmischen Selbstporträts befasst, widmet sich ein zweiter Teil dem Fernsehen und ein dritter Haltungen, Formen und Konzepten. Am konzisesten ist der erste Bereich, der auch das nachholt, was die Ausstellung im benachbarten Museum für Neue Kunst „Moments. Eine Geschichte der Performancekunst“ vernachlässigt hatte. Auf dichtem Raum laufen hier Schlüsselwerke der Performancekunst, etwa Martha Roslers „Semiotics of the kitchen“, Marina Abramovics „Performance Anthology“ oder Bruce Naumans Arbeit „Bouncing in the corner“. Die Videotechnik dient hier oftmals der Dokumentation, gefilmt wird wie bei Rosler häufig frontal. Arbeiten wie Valie Exports „Body Tape“ nehmen das Videoformat und den Bildschirm als Gegenüber und Experimentierbox. Die österreichische Künstlerin vollzieht minimalistische Körpergesten, die mit Zwischentiteln angekündigt werden. So schmiegt Valie Export ihre Wange an eine Glasscheibe, die beim Ansehen des Videos mit dem Bildschirm zur Deckung kommt. Sanja Ivekovic lässt in ihrem Video „Monuments“ ihre eigene Bewegung mit der der Kamera identisch werden. Ivekovic umrundet einen stehenden Mann und fängt seinen Körper von den Füßen bis zum Kopf ein. Die Performerin wird präsent durch die Art, wie sie den Männerkörper fragmentiert und das Monument so ironisch vom Sockel stößt, aber auch durch das dominante Klacken ihrer Absätze.

Was die Schau mit 72 Videos jedoch auch zeigt, ist dass das Video vom Fernsehen dankbar aufgenommen wurde. Gerry Schums Fernsehgalerie wurde eigens für das neue Medium produziert. Und auch Samuel Becketts choreografiertes Theater „Arena Quad“ greift im Spielfeld bereits das Bildschirmformat auf. Toshio Matsumotos sehr formale Arbeiten, die auf dem Zusammenspiel von Rhythmus und Grafik beruhen, scheinen an die frühen Experimentalfilme der 1920er Jahren anzuknüpfen. Die Künstler rücken von ihrem eigenen Körper ab und greifen die technischen Möglichkeiten auf, indem sie wie Gary Hill kunsthistorische Sujets wie Badeszenen pixeln und auflösen oder indem sie wie Imi Knoebel den Buchstaben X mittels eines Projektors, der auf einem Auto befestigt ist, auf Häuserfassaden werfen und dies abfilmen. Das ist dann ein Roadmovie der anderen Art. „Vidéo Vintage“ bietet die seltene Gelegenheit, ein Medium in seiner Brandbreite zu erleben.

Vidéo Vintage 1963-1983.
ZKM

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. Februar 2013.
ZKM