29/10/13

Francisco Sierra

Mit altmeisterlicher Bravour und bizarrem Witz verhandelt der 35-jährige Malerei-Autodidakt die Grenzen des Schönen

von Alice Henkes
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Francisco Sierra, aus der Serie Fleisch, Nr. 2, Detail, 2004

Mit altmeisterlicher Bravour und bizarrem Witz verhandelt der 35-jährige Malerei-Autodidakt die Grenzen des Schönen

2008 malte Francisco Sierra das Universum als Teegeschirr im Riesenformat. Im Jahr darauf folgte augenzwinkernd „The Parallel Universe“: ein eckiges Geschirr. Und 2010 malte Sierra ein schwarzes Service, das er als „The Brilliant Antagonist“ betitelte. Philosophie-Diskurse in Thesen und Antithesen bringt Sierra mit Teetassen lässig auf die Leinwand. Die Ästhetik verhandelt er noch nebenbei. Auf den hyperrealistischen Gemälden finden sich kleine Zeichnungen: Strichmännchen mit Joint und mit Geige, kopulierende Käfer. „Sex and Drugs and Rock’n‘Roll“, kommentiert Francisco Sierra. Und fügt an: „So stellt man sich doch das Künstlerleben vor.“

Sierras Werke sind frech, frivol, fantastisch und lassen sich nur schwer einordnen. Sein Blick auf die Welt ist so unbekümmert wie unverfroren, seine Technik ungewöhnlich brillant. Erlernt hat der heute 35-Jährige die Malerei autodidaktisch: „Mein erstes Ölbild habe ich mit fünf Jahren gemacht.“ Der Vater hatte ihm Ölfarben geschenkt. Sierra war sofort begeistert. Sein Bild nahm er in die Schule mit, um seine Mitschüler zu beeindrucken: „Ich habe sogar eine Lupe mitgenommen, damit sie die Details sehen“, bekennt er selbstironisch. Francisco Sierra wurde in Santiago de Chile geboren. Als Neunjähriger kam er mit seiner Familie in die Schweiz. Der Vater ist Chilene, die Mutter hat schweizerisch-ungarische Wurzeln. Kultur wurde im Haus Sierra gross geschrieben. Eine Schwester des Vaters war Malerin, die Grossmutter mütterlicherseits spielte Geige in einem Budapester Damenorchester. Auch Francisco verliebte sich früh in die Musik. „Mit viereinhalb lag ich meinen Eltern in den Ohren: Ich will Geige spielen. Und mit fünf durfte ich dann endlich.“ Das klingt nach einem Wunderknaben. Doch Sierra verschweigt nicht, dass die Mutter ihn oft zum Üben drängen musste. Nach dem Abitur stand er vor der Frage: Geige oder Malerei? Er wählte das Musikstudium. In der Violinklasse von Karen Turpie in Schaffhausen und Utrecht lernte er seine Frau Noëlle-Anne Darbellay kennen. Sie unterstützte ihn in seiner Entscheidung, sich wieder der Malerei zuzuwenden. Er eroberte die Kunstszene mit einem Paukenschlag, bewarb sich bei allen Kunstwettbewerben und verblüffte die Juroren. 2006 erhielt er den Kiefer-Hablitzel-Preis. Ein Jahr später sämtliche Preise, die bei den Swiss Art Awards vergeben werden.

Francisco Sierra malt gern Dekorationsobjekte wie Aschenbecher oder Kuchenteller. Ihn interessiert, was einen Dekorationsgegenstand ausmacht. Wenn er einen Dekoteller absichtlich hässlich gestaltet, ist er dann noch dekorativ? Kann ein Bild schön sein, wenn sein Motiv bizarr ist? Eines seiner Lieblingsbilder zeigt seine Frau neben einer Riesenmeringue mit skelettierten Armen und Hitlerbärtchen. Das Unding sitzt auf einem Teppich, den Sierras jüdische Grossmutter gefertigt hat und liest ein Buch mit dem Titel „Hello Kitty: Mein Kampf“. Hier findet zusammen, was nach allen Regeln der Kunst und der Political Correctness nicht zusammen gehört. Sierras Bilder provozieren und belustigen. Sie künden vom Blick eines Künstlers, der die Welt mit humorvoller Skepsis betrachtet. Und sie ziehen den Betrachter in eine Bildwelt, in der Schönheit und Schrecken, Wahrheit und Wahnwitz dicht beieinander stehen. Ganz wie im wirklichen Leben.    

Francisco Sierra. Arbeiten auf Papier.

Kunstmuseum Solothurn

Werkhofstr. 30, Solothurn.

Öffnugnszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 2. Februar 2014.


Francisco Sierra. Manor Kunstpreis St. Gallen.

Kunstmuseum St. Gallen

Museumstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

15. November 2013 bis 16. Februar 2014.




Kunstmuseum St. Gallen
Kunstmuseum Solothurn