25/10/13

Wachsende Empfindungen

Eine Installation mit dezentem Geisterbahneffekt: "Dornröschen" von Gabriela Gerber & Lukas Bardill im Kunstraum Dornbirn

von Birgit Kölgen

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Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Dornröschen, 2013, Installationsansicht im Kunstraum Dornbirn, © Kunstraum Dornbirn

Eine Installation mit dezentem Geisterbahneffekt: "Dornröschen" von Gabriela Gerber & Lukas Bardill im Kunstraum Dornbirn

„Dornröschen“ heißt das Projekt. Das klingt romantisch. Aber der Gegenwartskunst ist bekanntlich nicht zu trauen. In der einstigen Montagehalle, die jetzt „Kunstraum Dornbirn“ heißt, befindet sich – nichts. Keine Spur von der schlafenden Prinzessin. Sogar die Aussicht in den Stadtgarten haben die Schweizer Video- und Installationskünstler Gabriela Gerber  (*1970) und Lukas Bardill  (*1968) versperrt. Die 16 raumhohen Bogenfenster sind von außen mit weißen Platten abgedeckt worden und leuchten innen seltsam kalt.

Man sieht für Momente den grauen Boden und die malerisch verrotteten Wände des alten Industriebaus. Dann bewegt sich etwas: Pflanzen wachsen auf den hellen Fensterflächen, fette grüne Blätter entfalten sich, wuchern rapide, steigen empor. Eine überaus raffinierte Projektion. Es wird dunkler, es wird finster. Nur das Lämpchen der Aufsicht und zwei Monitore mit einem stumm geschalteten Künstlergespräch glimmen in der Halle. Leichtes Unbehagen macht sich breit, ein Besucherkind fürchtet sich und muss von der Mama beruhigt werden. Doch schon lichtet sich der virtuelle Dschungel. Zweige knicken, Blätter welken und sinken herab, die Pflanzen verschwinden, die Fens­ter sind leer – und der Spuk beginnt von vorn. Was nur knapp zehn Minuten dauert, ist das Ergebnis einer akribischen, äußerst geduldigen Vorbereitung nach Schweizer Art. Zwölf Wochen lang hat das Züricher Künstlerpaar Gerber & Bardill in einem Kellerlabor zarte kleine Gelbsenfpflänzchen gezüchtet und gegossen, bis sie emporwuchsen, und sie dann verwelken und verdorren lassen. Alle fünf Minuten wurde vom Zustand der Pflanzen ein Foto gemacht. Aus 24 000 Einzelbildern entstanden am Ende die Filme für die Dornbirner Video-Installation. Das Ergebnis sieht toll aus und hat auch einen dezenten Geisterbahneffekt, aber es geht natürlich um Tieferes. Während Kuratorin Katharina Ammann in einem Video „den ewigen Kreislauf vom Leben“ beschwört, sprechen die Künstler vom „Wahrnehmungsprozess“, der sie interessiere. Es gehe um die „Befindlichkeit in dem Raum“ und dass „man das Gefühl kriegt von etwas ganz Geschlossenem“. Das könne nicht nur Verstörung erzeugen, sondern auch Geborgenheit. Auch das Dornröschen im Märchen sei ja einerseits verflucht, andererseits geschützt hinter seiner Dornenhecke.

Aber ehe wir jetzt in einen 100-jährigen Schlaf versinken, gehen wir lieber hinaus in den Stadtgarten und gucken ins echte Licht. Gleich gegenüber des Kunstraums befindet sich der Eingang zum familienfreundlichen Wissenschaftsmuseum „inatura“. Dort gibt es ein Café für müde Ausflügler und einen neuen Ausstellungsschwerpunkt: „Das Wunder Mensch“. Es lohnt sich, den Besuch beider Häuser miteinander zu verbinden.   

Gabriela Gerber und Lukas Bardill, Dornröschen.

Kunstraum Dornbirn

Jahngasse 9, Dornbirn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 3. November 2013.





Kunstraum Dornbirn