21/10/13

Ouvertüre für eine Großbaustelle

Vor dem Abriss wird der Erweiterungsbau der Kunsthalle Mannheim zur Bühne einer spektakulären Skulpturen-Schau

von Julia Neuert
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Installationsansicht aus der Ausstellung „Nur Skulptur“ im Mitzlaff-Bau der Kunsthalle Mannheim, Foto: Cem Yücetas

Vor dem Abriss wird der Erweiterungsbau der Kunsthalle Mannheim zur Bühne einer spektakulären Skulpturen-Schau

Draußen gärt der Widerstand gegen den Entwurf für einen Neubau der Kunsthalle. Im Innern hat der Abriss bereits begonnen – geis­tig, künstlerisch, substanziell. Fenster wurden freigelegt, Mauern durchbrochen, Wände installiert. Für die wohl größte Skulpturenschau, die die Kunsthalle Mannheim je gezeigt hat, wurden rund die Hälfte aller 840 Skulpturen, die das Depot beherbergt, zutage befördert. Mit dem Blick des Bildhauers hat Bogomir Ecker die Sammlung arrangiert. Es ist ein Fest der architektonischen Unzulänglichkeiten und ein würdevoller Abschied vom Mitzlaff-Bau aus den frühen Achtzigern, der 2014 dem 70 Millionen teuren Neubau nach Entwürfen des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner weichen wird.

Trichterförmig verengt sich der Raum zu Beginn der Ausstellung. Entlang der Wände aufgereiht sind Eckers Prototypen III (2000-2010), originelle Fundstücke einer Dekade. Zwanzig Räume auf drei Etagen wurden geschaffen, in denen die Skulpturen nach Materialität, Thematik oder Größe geordnet sind, mal Gegensätze und mal Ähnlichkeiten offenbaren. Einigen Arbeiten hat Ecker neue Sockel gegeben. Umberto Boccionis Skulptur „Einzigartige Formen der Bewegung im Raum“ (1913) schwebt auf einer Stahlplatte. Von einer Treppe aus kann der Betrachter seinen Standpunkt selbst wählen. Sonja Vordermaiers „Schatten“ (2007) lassen den engen Raum noch enger werden. Eine Betonplatte eröffnet den ungestörten Blick auf fünf Arbeiten von Wilhelm Lehmbruck, flankiert von Au­guste Rodins „Eva“ (1881) und Giacomo Manzùs „Tanzschritt“ (1954). Das Spiel mit Raum und Licht, es setzt sich bis zum Ende konsequent fort.

Inmitten der Ausstellung steht ein sechs Meter hohes Lastenregal mit rund 150 Skulpturen, aufgereiht Werke von Emil Cimiotti, Gustav Seitz oder Clive Barker. Ein Übermaß in Anlehnung an die Depot-Situation, die in ihrer Willkür überfordert. Gegenübergestellt ist der „Kopf“ (1995) von Henry Moore. Gelungen hingegen ist der Durchbruch darunter, er gibt den Blick auf Max Ernsts „Capricorne“ (1948/1964) frei. Mit Alberto Giacometti, Hermann Scherer oder Toni Stadler teilen sich die großen Strömungen des 20. Jahrhunderts auf eisschollenartigen Podesten einen Raum. Gustav Seitz „Geschlagener Catcher“ (1963-66) gibt erstmals seine exzeptionelle Rückenansicht preis. Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Joseph Beuys, Daniel Spoerri oder Kiki Smith zeigen, wie sich die Gegenwart jener Kunstgattung neu konstruiert.

 Mit einer Installation aus Nutella und Draht hat Thomas Rentmeister das Ende des verdreckten Teppichs besiegelt (2013). Einzig die Kombination mit Ernst Barlachs „Der Geisteskämpfer“ (1928) oder Honoré Daumiers „Ratapoil“ (1848) erschließt sich nicht. Mutig, eigenwillig, mitunter komisch und – fast immer – gelungen hat Ecker mit den Bildhauerkollegen John Bock, Thomas Hirschhorn, Thomas Rentmeister, Roman Signer und Kiki Smith die Schätze der Kunsthalle inszeniert. Zu hell für empfindliche Malerei wurde der Mitzlaff-Bau nach seiner Eröffnung 1983 zu einem fensterlosen Gefüge verbaut. Die Ausstellung nutzt jeden Winkel für ihre Zwecke: „Reißt ihn ruhig ab, euren Bau.“ So ist „Nur Skulptur“ auch ein Selbstversuch auf der Suche nach richtigen Impulsen für den Neubau. Es dürfte gelingen, die Sammlung der Kunsthalle so wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.           

 

Nur Skulptur!

Kunsthalle Mannheim

Friedrichsplatz 4, Mannheim.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 17. November 2013.

 




Kunsthalle Mannheim