17/10/13

Zurück in die Zukunft

Alexandra Navratil lässt im Kunstmuseum Winterthur nostalgische und futuristische Bildwelten aufeinander prallen

von Florian Weiland
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Alexandra Navratil, Sample Frames, 2011/12, Installationsansicht der 324-teiligen Diaprojektion im Kunstmuseum Winterthur

Alexandra Navratil lässt im Kunstmuseum Winterthur nostalgische und futuristische Bildwelten aufeinander prallen

Die Spuren des Verfalls sind unübersehbar. Filmträger aus Nitrozellulose sind einem fortlaufenden Zersetzungsprozess ausgesetzt. Wie soll man damit umgehen? Wie sähe eine optimale Restaurierung aus? Sollten die Alterungsspuren sichtbar bleiben oder wäre es besser, den Originalzustand wiederherzustellen? Es sind Fragen wie diese, die Alexandra Navratil (*1978) beschäftigen. Die diesjährige Trägerin des Manor Kunstpreis Zürich ist eine Sammlerin. Für ihre Arbeiten verwendet Navratil überwiegend historisches Bildmaterial aus Filmarchiven, Zeitschriften oder Büchern. Ihr Werk hat einen stark nostalgischen Touch und präsentiert sich zugleich ausgesprochen modern. Medientheoretische Überlegungen spielen bei ihr eine entscheidende Rolle. Dazu gehört der bewusste Rückgriff auf veraltete Technologien. Navratil betreibt für ihre Arbeiten intensive historische und wissenschaftliche Recherchen. Sie verknüpft industrielle Vorgänge wie Rohstoffgewinnung und Synthetisierung von Materialien thematisch mit Fragen nach Materialität, Wahrnehmung und Vergänglichkeit, erklärt Kuratorin Simona Ciuccio. So vermischen sich Realität und Magie, Rationalität und Phantasie assoziativ und ästhetisch miteinander.

Besonders interessiert sich Alexandra Navratil für frühes Filmmaterial, das chemischen Wandlungsprozessen unterworfen ist. Die Künstlerin, die in Zürich und Amsterdam lebt, trennt zwischen dem Bild und der physischen Präsenz desselben. Besonders deutlich wird dies in der vierfachen Diaprojektion „Sample Frames“, die auf eingefärbten Nitratzelluloid-Filmbildern aus Musterbüchern der Eastman Kodak Company fußt, die zwischen 1916 und 1927 herausgegeben wurden. Dafür wurden schwarz-weiße Filmstreifen in Farbbäder gelegt, die verschiedene Effekte erzeugten. Durch die Unbeständigkeit des Nitrats und die Einflüsse der Lagerung haben sich die Bilder in den verschiedenen Musterbüchern unterschiedlich verändert. Die Motive wirken identisch, und doch stechen immer wieder minimale Verschiebungen ins Auge. Die gleichzeitige Projektion macht deutlich, wie sehr die Farbe unsere Wahrnehmung beeinflusst.

Die Arbeiten, die Navratil für ihre erste Museumsschau ausgewählt hat, korrespondieren vielfach miteinander. Die An- oder Abwesenheit des menschlichen Körpers ist ein verbindendes Thema. Die Landschaftsaufnahmen von „Sample Frames“ sind menschenleer. Anders „Modern Magic“. Hier werden in schnellem Wechsel zwei Sequenzen von je 81 Fotografien gezeigt, die zwischen 1925 und 1970 in der US-Zeitschrift „Modern Plastics“ abgedruckt wurden. Während in der einen Bildgruppe menschliche Hände verschiedene Gegenstände präsentieren, aber passiv bleiben, dominieren in der anderen aktive Hände, die diverse Objekte verdrehen, kneten oder verbiegen.

Wie eine anthropologische Studie wirkt dagegen „Views (This Formless Thing)“: Ein raffinierter Mix aus alten Aufnahmen von Modeschauen und Reiseberichten führt in exotische Länder. Zwei Welten treffen aufeinander. Mit der Serie „Prospects“ knüpft Navratil in gewisser Weise daran an, indem sie historische Fotografien aus dem Amsterdamer Tropenmuseum mit Zitaten aus der Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts kombiniert. Es geht um die Vermessung der Welt. Sehr futuristisch wirkt schließlich die Kamerafahrt durch ein wiederum menschenleeres, lichtdurchflutetes Gebäude. Diese Arbeit markiert einen radikalen Stilbruch und will nicht so recht zu den anderen, nostalgisch gestimmten Werken passen. Navratil zeigt darin eine gänzlich andere Facette ihrer Kunst: Die 3D-Animation entwirft einen architektonischen Nicht-Ort, der austauschbar ist. Ein reales Vorbild gibt es nicht. Die spiegelnden Flächen und die Beleuchtung verleihen den sachlich-funktionalen Innenräumen etwas Leichtes und Schwebendes. Der eingängige Synthesizer-Soundtrack vermischt sich im Ausstellungsraum mit dem Knattern der altertümlichen Diaprojektoren. Erneut prallen zwei Welten aufeinander.  


Alexandra Navratil, Manor Kunstpreis Zürich 2013

Kunstmuseum Winterthur

Museumstr. 52, Winterthur.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 8. Dezember 2013.




Kunstmuseum Winterthur