09/10/13

Urbanität als Prozess

„Nenn mich nicht Stadt!“ fragt in der Lokremise St. Gallen nach dem Wesen unserer Städte

von Annette Hoffmann
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Ausstellungsansicht Nenn mich nicht Stadt Lokremise St. Gallen, Foto: Stefan Rohner

„Nenn mich nicht Stadt! fragt in der Lokremise St. Gallen nach dem Wesen unserer Städte

Schaut man nach draußen, sieht man im Entstehen begriffene Neubauten und Fußgänger, die auf einem schmalen, abgegrenzten Streifen an der Lokremise vorbei gehen. Spätestens seit hier ein Restaurant, ein Kino und die Außenstelle des Kunstmuseums St. Gallen eingezogen sind, wächst der Stadtteil. Nicht zum ersten Mal hat die Kultur ein Quartier aufgewertet. Grund genug für das Kunstmuseum St. Gallen und seinen Kurator Konrad Bitterli durchaus selbstkritisch „künstlerische Positionen zur Urbanität heute“ in der Ausstellung „Nenn mich nicht Stadt!“ zu untersuchen. Die thematische Gruppenschau gibt sich ähnlich rau wie der Ort, an dem sie zu sehen ist. Abschließende Antworten bietet sie nicht, vielmehr versteht sie das Phänomen Stadt als Prozess, als Ort, an dem verschiedene Interessen aufeinander treffen.

„We build, destroy and rebuild our city in the image of our economy, relying on expansion and excess in the midst of unfullfilled need”, ist auf einem Schild zu lesen, das zu Matthew Buckinghams Arbeit „Creative Destructions” gehört. Der kümmerliche Gummibaum in einem Kübel ironisiert diesen Glauben des Kapitalismus an das Wachstum und unerfüllte Bedürfnisse. Überhaupt bieten die Vorboten einer expandierenden Stadt keine heroischen Ansichten. Fischli/Weiss haben 1993 die „Siedlung/Agglomerationen“ durch die Jahreszeiten hinweg fotografisch erkundet. Mal liegt Schnee auf den immer gleichen Verkehrsinseln und noch jede Vorstadt hat ihre ideenlos entworfene Bank, ihre Grünflächen und Parkplätze. Die Bedürfnisse, die hier erfüllt werden, zeichnen ein trostloses Bild menschlicher Existenz.

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Matthew Buckingham, Creative Destruction, 2006, Installationsansicht Lokremise St. Gallen, Foto: Stefan Rohner

Ähnlich unglamouröse Eindrücke hat Jonathan Monk ausgerechnet auf dem Sunset Strip in Los Angeles gefunden. Seine Fotoarbeit „None of the Buildings on Sunset Strip“ bezieht sich nicht nur auf Ed Ruschas Dokumentation des berühmten Boulevards, Monk legt die Auswechselbarkeit selbst eines so legendären Ortes offen, der eine Ansammlung von Kreuzungen, Ampeln, Autos, Werkstätten und schäbigen Restaurants zu sein scheint. Menschen kommen in dieser Umwelt allenfalls als Passanten vor. Beat Streuli porträtiert sie in der wandfüllenden Fotoinstallation im Vorübergehen neben Details von Geldautomaten, Sicherungskästen und Passagen. Die Stadt mit ihren Möglichkeiten wird modellhaft in Silke Schatz’ Zeichnungen sichtbar. Ihre perspektivischen, mehrfarbigen abstrakt wirkenden Zeichnungen sind gesättigt mit Geschichte und Überlagerungen von faschistischem und utopischem Gedankengut. Ein Blick nach oben und Monks Schriftzug „Auf der Siegessäule Berlin Februar 2019 bei Sonnenuntergang“ gerät in den Blick. Wo Menschen sich treffen, ist noch immer ein guter Ort für die Stadt.

 

Nenn mich nicht Stadt.

Lokremise St. Gallen

Grünbergstr. 7, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 13.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 10. November 2013.





Kunstmuseum St. Gallen