28/11/12

Abstrakte Goldreserven

Passend zur Finanzkrise zeigt die Kunsthalle Nürnberg, was sich mit Gold alles machen lässt.

von Friedrich J. Bröder
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Passend zur Finanzkrise zeigt die Kunsthalle Nürnberg, was sich mit Gold alles machen lässt.

Ist Gold alles? Oder ist alles nichts ohne Gold? Die Antwort auf diese zur Geld- und Finanzkrise passende Frage liefern nicht Banken und Börsianer, sondern eine Reihe junger, internationaler Künstler, die „Kunst aus, mit oder über Gold“ machen. Ihre Arbeiten sind jetzt in der Kunsthalle Nürnberg in der Ausstellung „GoldRausch“ zu sehen, ein künstlerischer Tanz ums sprichwörtlich Goldene Kalb, das sich in der Kunst freilich oft als Fake herausstellt.6709torres.jpg

Wie gleich zum Entree der Ausstellung eine „Placebo-Landschaft“ aus 576.000 in Gold verpackter Bonbons den Besucher an der Nase herumführen, der sich das falsche Gold auf der Zunge zergehen lassen kann, ohne dass es zu Ende geht. Es sei denn, es besuchten mehr als 100.000 Menschen die Ausstellung und nähmen jeweils nicht mehr als fünf Goldbonbons mit.

Diese Arbeit des kubanischen Künstlers Felix Gonzalez-Torres appelliert genauso an die menschliche Schnäppchen-Mentalität wie die vielleicht noch drastischere Lebend-Skulptur „Pulheim gräbt“ des niederbayerischen Künstlers Michael Sailstorfer, die er im Videofilm festhielt: er löste im rheinischen Pulheim einen Goldgräberrausch aus, als er auf einem städtischen Brachfeld 28 Goldbarren im Wert von 10.000 Euro vergrub – und anschließend die grasbewachsene Brache per Zeitungsannonce für jedermann zur Goldsuche freigab: innerhalb weniger Tage glich die Fläche einer Kraterlandschaft, eine unglaubliche skulpturale Veränderung des öffentlichen Raumes durch ganz normale Bürger, zu der der Künstler selbst gar nichts mehr beitragen musste – und zugleich eine Erweiterung der Skulptur als Kunstwerk, in der solcherart Fluxus, Performance, Land Art und Readymade in eins zusammenfliesen.

Und so beschwört die von Harriet Zilch ebenso intelligent, einfallsreich und witzig kuratierte Ausstellung nicht nur Pathos und Mythos des Goldes, sondern unterläuft auch ironisch den Goldrausch eines derzeit weltweit boomenden Kunstmarkts, der das wie immer fatale Verhältnis von Kunst und Kommerz auf den Kopf stellt und das Kunstwerk zu rein ökonomischen Geldanlage macht – und es damit seines ideellen, rein ästhetischen Anspruchs entkleidet: die wahre Kunst wird, wenn es um Geld und Gold geht, zur Ware Kunst! Was sich in Jürgen Dreschers goldener Sprechblase, die als Objekt an der Wand hängt, wunderbar visualisiert, wenn sie die Spruchweisheit „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ in ihr Gegenteil verkehrt und das Gold zum Reden bringt.

Wie weiland der amerikanische Künstler Walter de Maria, der in seinem Multiple „High Energy Barr“ den handelsüblichen Goldbarren in profanes Eisen umgoss, unterläuft auch die polnische Künstlerin Alicja Kwade den mystisch überhöhten Goldwert: sie macht aus Kohle Gold und damit wortspielerisch doch wieder „Kohle“, wenn sie mit Blattgold überzogene Kohle-Briketts zur meterhohen Plastik auftürmt und Materialwert und Goldwert, Kohlewert und Kunstwert zum Kunstwerk ummünzt.

Am Golde hängt, zum Golde drängt in dieser Ausstellung auch die Kunst, die mittlerweile einen goldenen Boden hat, auch wenn er nur aus Porzellan besteht, in dem man einst das „Weiße Gold“ sah: wiederum Alicja Kwade lässt Dutzende Tänzerinnen in Gestalt kitschiger Porzellanfigürchen, die sie im Internet ersteigert hat, um ein imaginäres Zentrum kreisen, das aus Nichts besteht. Und so demonstriert die Nürnberger Ausstellung, dass „nicht alles Gold ist, was glänzt“, aber auch nicht alles Kunst ist, was aus Gold ist.

GoldRausch – Gegenwartskunst aus, mit und über Gold.
Kunsthalle Nürnberg
Lorenzer Str. 32, Nürnberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mi 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 13. Januar 2013.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2012, Katalog, 204 S., 32 Euro | ca. 45.90 Franken.
Kunsthalle Nürnberg