08/10/13

Vivarium zeitgenössischer Kunst

Organische Formen, industrielle Strukturen: die britische Künstlerin Alice Channer im Kunstverein Freiburg

von Fiona Hesse
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Alice Channer, Chlorine, 2013; Tzunami, 2013, Installation Kunstverein Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Organische Formen, industrielle Strukturen: die britische Künstlerin Alice Channer im Kunstverein Freiburg

 

An wenigen Orten kann man die Redewendung vom Eintauchen in die Kunst so wörtlich nehmen, wie derzeit als Besucher der Ausstellung „Soft Shell“ im Kunstverein Freiburg. Einmal mehr wird hier die Vergangenheit des Ortes als Schwimmbad künstlerisch aufgegriffen. Die britische Künstlerin Alice Channer (*1977), deren Arbeiten derzeit auch auf der 55. Biennale in Venedig zu sehen sind, verwandelt die Halle in ihrer Arbeit „Chlorine“ mittels blauer Polyesterfolie auf den Oberlichtern in ein Vivarium zeitgenössischer Kunst, in welchem allerlei Assoziationen nicht nur zu Unterwasserwelten möglich sind.

Vom Glasdach bis auf den Boden ergießt sich die Arbeit „Tzunami“ raumgreifend in die Tiefe; Meterware schwerer Chinaseide, die mit dem verzerrten Muster einer Schlangenhaut bedruckt ist und zu beiden Seiten mit polierten Aluminiumbrocken beschwert wird. In der Vorderansicht von breiter Monumentalität, erscheint die Installation seitlich betrachtet unauffällig schmal, fast konturlos. Im Gehen des Betrachters entsteht eine Bewegung, welche die Künstlerin selbst als eine Art Ein- und Ausatmen des eigentlich leblosen Materials bezeichnet.

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Alice Channer, Exoskeleton, 2013; Soft Shell, 2013, Installation Kunstverein Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Im hinteren Ausstellungsbereich wird die Verbindung organischer Formen und industrieller Strukturen noch deutlicher. Wie hybride, futuristische Quallen oder Wasserschlangen winden sich die Arbeiten „Soft Shell“ und „Exoskeleton“ durch den Raum und vereinen so unterschiedliche Materialien wie glänzend polierten Stahl und Aluminiumguss, bläulich gefärbtes Polyurethan und plissiertes Lamé. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man im Kunststoff die Abdrücke textiler Fasern und Gewebe – die Abgüsse von Leggings und Trägerkleidchen. Nahezu durchsichtig und so zerbrechlich wirkend wie dünne Eisschichten auf winterlichen Wasseroberflächen zieren diese Gebilde auch die rechte Wand sowie die Empore des Kunstvereins. Alice Channer setzt in ihren Kunstwerken den menschlichen Körper nicht nur in Relation zu all den flachen Oberflächen, mit denen man sich im Alltag umgibt, sondern stellt dessen weiche und auch verletzliche Hülle der Vielzahl industriell gefertigter Materialien entgegen.

Ihre Begeisterung über die unzähligen Möglichkeiten, die sich der Kunst und den Künstlern im 21. Jahrhundert bietet, schwingt dabei in allen ihren Arbeiten mit. Dafür nimmt sie die Errungenschaften gerne in Anspruch, welche die Industrie durch die Herstellung immer neuer Werkstoffe bietet. Auffällig ist dabei allerdings, dass Channer die Kehrseite völlig außer Acht zu lassen scheint: Die von ihr verwendeten Materialien wie Aluminium oder Polyurethan sind in ihrer Herstellung nicht nur aufwendig, sondern vor allem höchst giftig und die negativen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus noch lange nicht geklärt. Die künstlerische Verwendung und Verbindung dieser Stoffe legt die Auseinandersetzung mit genau solchen aktuellen Themen eigentlich nahe. Nun muss Kunst nicht zwangsläufig auch gesellschaftliche Untiefen aufdecken – was augenscheinlich weder zum erklärten Ziel Channers gehört noch durch die erste Einzelausstellung ihrer Kunst in Deutschland an die Oberfläche gebracht werden sollte.

Dem Kunstverein Freiburg ist mit „Soft Shell“ eine ästhetisch ansprechende Ausstellung gelungen, welche die gezeigten Kunstwerke auch kunsthistorisch gut zu verorten weiß. Das gesellschaftskritische Potential und die brisante Aktualität, die in den Arbeiten Alice Channers ebenfalls erkennbar ist, ruht allerdings noch weit unten am Grund des Kunstmeeres und muss wohl von den Besuchern auf ihrem Tauchgang selbst entdeckt werden.       

 

Alice Channer: Soft Shell.

Kunstverein Freiburg

Dreisamstr. 21, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 10. November 2013.




Kunstverein Freiburg