04/10/13

Künstlerischer Ungehorsam

Carey Young schließt in ihrer Ausstellung im Zürcher Migros Museum Kontrakte und gründet imaginäre Territorien

von Annette Hoffmann
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Carey Young, Uncertain Contract, 2008, Videostill, © Carey Young. Courtesy of the artist and Paula Cooper Gallery, New York

Carey Young schließt in ihrer Ausstellung im Zürcher Migros Museum Kontrakte und gründet imaginäre Territorien

Die Karte schneidet in die Hand. Ich schweige. Mit Vorsatz oder unabsichtlich? Der Kontrakt von der Größe einer Visitenkarte meint Letzteres. „By taking this card, and at any time you carry it, your silence will be deemed to be unintentional silence“, steht Schwarz auf Schwarz geprägt auf dem Tonpapier. Eben noch lag sie mit weiteren Karten in einer Box auf einem Sockel in Carey Youngs Ausstellung „Legal Fictions“ im Migros Museum für Gegenwartskunst, nun bestimmt sie über die Natur meines Schweigens.

Als fiktiv mag manchem das Rechtssystem erscheinen, doch Carey Young (*1970) befasst sich nicht mit den absurden Auswüchsen, zu denen es kommen kann, wenn Gesellschaften definieren, was Recht ist. Eher geht es Young um die sprachlichen und performativen Akte, die damit einhergehen, etwa das ritualisierte Sprechen von Vertragswerken und der Gesetzgebung. Dass sie in komplexe Machtsysteme eingebunden sind, geht aus den Werken der britischen Künstlerin hervor. So sieht man Young selbst in dem Video „Product Control“ im Business-Anzug die Praxis eines Analytikers betreten und nach der Begrüßung sich auf einer Liege ausstrecken. Dann beginnt dieser die Frau nach Werbeslogans abzufragen – als könnte ein derartiger Vokabeltest das Gedächtnis von diesem Sprachmüll befreien. „Think different? – Apple. Invent? – Hewlett Packard. Imagination at work? – General Motors.“  In dem Video „Terms and Conditions“ sieht man eine Frau vor einem Weg stehen, der durch eine charakteristische englische Landschaft führt. Man könnte nun daran denken, was die Kunst dazu beigetragen hat, dass man in diesen sanft ansteigenden Hügeln etwas typisch Britisches erkennt, stattdessen jedoch klärt die Frau den Betrachter über Haftungshinweise, Altersbeschränkungen und Copyrights auf, denen man sich unterwirft, sobald man hier spazierengeht.

Der öffentliche Raum, das verdeutlicht Carey Youngs Zürcher Ausstellung ist nicht so sehr Allgemeingut, wie wir das gerne hätten und er ist durch Konventionen definiert. Manche sind einem bewusst, andere nicht. Eine Ecke der Ausstellung ist mit schwarzem Tape abgeklebt, so dass ein imaginärer Kubus von jeweils knapp vier Metern entsteht. Was ein bisschen wie eine minimalistische Wandzeichnung wirkt, ist, folgt man dem daneben stehenden Text, Territorium der USA. Denn begibt man sich in diesen Raum, akzeptiert man für den Verlauf des Aufenthalts, die Zugehörigkeit zu den Vereinigten Staaten. Sicherlich ist dieser fiktive Raum ein Spiel – doch anderseits nutzen die USA exterritoriale Gebiete, um mehr oder weniger rechtsfreie Räume zu schaffen.

Die Ausstellung macht zwar einen spröden Eindruck, denn die Stärke von Carey Youngs Videos, Fotografien, Neon- und Textarbeiten ist nicht gerade ihre Sinnlichkeit. Aber die Gedankenexperimente, die sie auslösen, machen den Rundgang gleichermaßen unterhaltsam und anregend. So steht man vor zwei gerahmten Prägedrucken ihrer Serie „Just“. Auf dem einen steht das Wort „just“, auf dem anderen die Wörter „as it“. Es sind Wörter aus der Rechtssprache, die einen Zwischenraum markieren, doch verschleift man sie etwas, glaubt man das Wort „justice“ zu hören. Und in „Obsidian Contract“ treibt Carey Young das Spiel mit dem Absurden noch eine Stufe weiter. Ein schwarzer Spiegel macht den Textabsatz, der zur Arbeit gehört, erst lesbar. Sobald man sich länger als zehn Sekunden im Spiegel sieht, erklärt dieser Vertrag, akzeptiert man das Verbot verschiedener Handlungen, zu denen jede Form des persönlichen Ausdrucks, Schlafen, sexuelle Handlungen und sowohl das Tragen als auch das Nicht-Tragen von Kleidung gehört. Mitunter braucht es so etwas wie künstlerischen Ungehorsam. Auf gigantischen Baubrachen in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Carey Young mit ihrem Körper Performances und Skulpturen anderer Künstler nachgestellt. Das berührt nun ganz gewiss das Urheberrecht: Inmitten dieser menschenleeren Zivilisationswüste, nimmt sich das Balancieren auf einer Steinlinie frei nach Richard Long oder das Graben eines Kreises in die Erde nach Ulrich Rückriem wie eine Selbstermächtigung aus.         

 

Carey Young, Legal Fictions.

Migros Museum für Gegenwartskunst

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 10. November 2013




Migros Museum für Gegenwartskunst