01/10/13

Benjamin Appel

Der Karlsruher Bildhauer macht Kunst aus Räumen. Spröde? Nicht, wenn die Wände plötzlich anfangen, auf den Tischen zu tanzen

von Dietrich Roeschmann
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Benjamin Appel, Klappstühle und Schublade, 2013, Foto: Fabian Rapp

Der Karlsruher Bildhauer macht Kunst aus Räumen. Spröde? Nicht, wenn die Wände plötzlich anfangen, auf den Tischen zu tanzen

Schimmel ist nicht lustig. Er stinkt, sieht unschön aus und macht krank. Deshalb empfehlen Baufachleute gern: „Keine Schränke an Außenwände stellen“. Aber: Was tun, wenn ein Raum von Außenwänden umgeben ist – und zwei Dutzend Kommoden und Wandregale darauf warten, in diesem Raum zu einem stimmigen Gesamtensemble verbaut zu werden?

Der Karlsruher Bildhauer und Maler Benjamin Appel (*1978) löste dieses Problem kürzlich auf seine Weise: Im Museo de arte contemporanio Santigo de Chile sortierte er diverse gebrauchte Regalmöbel in der Mitte des Raumes zu einem Karrée, so dass ihre Rückseiten einen quadratischen Leerraum einfassten. Ihre Außenfronten hingegen bildeten aufgrund der unterschiedlichen Tiefe der Möbel einen verwinkelten Grundriss, den Appel in der Vertikalen mit Gipsbetonplatten bis zur Decke fortsetzte. Das hohe, schmale Volumen, das dadurch entstand und wie ein türloser Fahrstuhlschacht durch den Ausstellungssaal kantete, wirkte stabil und fragil zugleich: Stabil, weil seine Wände den Raum mit der Selbstverständlichkeit einer architektonischen Setzung beherrschten – fragil, weil diese Behauptung auf nichts als ein paar wackligen Second-Hand-Möbeln ruhte. Die Objekte mutierten zu Sockeln, deren Außenfronten die Grenzen des geschlossenen Raumes definierten, den sie trugen.

Solche Kippeffekte, die sich aus dem scheinbar nahtlosen Übergang der Konturen der Skulptur in die des Raumes ergeben, sind typisch für Benjamin Appels Installationen: da balancieren plötzlich Mauern auf Tischen und Möbel zetteln handfesten Streit mit der Architektur um die Definitionsmacht über den Raum an. Der subtile Witz seiner Werktitel wirkt dabei oft wie ein Brandbeschleuniger der Wahrnehmung. „Wände sind Treppen ohne Böden“ hieß eine Arbeit, die er im Frühjahr 2013 in seiner Karlsruher Galerie Weingrüll realisierte – und schon der Titel lieferte eine denkbar eigenwillige Beschreibung des Raumes als Resultat einer schwierigen Dreiecksbeziehung zwischen Vertikale, Diagonale und Horizontale. Die Installation bestand dann aus einer sieben Meter langen Wand aus grauem Gipsbeton, die den Raum der Länge nach teilte. Sie schloss bündig mit der Decke ab, endete jedoch einen halben Meter über dem Boden und setzte statt auf festem Grund auf zwei dreibeinigen Metallständern auf. Der Widerspruch zwischen der raumgreifenden Präsenz dieser Wand und ihrer fehlenden Bodenhaftung löste eine seltsame Irritation aus. Schwer und schwebend zugleich, schien Appels Installation der Gravitation zu trotzen, um diese im gleichen Moment durch den unter der Wand klaffenden Spalt als zentrale Voraussetzung unserer Wahrnehmung von Raum zu thematisieren. Indem er die Wand vom Boden löste und wie ein tonnenschweres Objekt auf Ständer aufbockte, enthob er sie zugleich ihrer tragenden und trennenden Funktion und machte ihre Behauptung als Grenze in ihrer ganzen Masse und Materialität sichtbar. 

In seiner aktuellen Schau, die er als diesjähriger Werkstattpreisträger der Erich-Hauser Kunststiftung in der Saline Rottweil realisieren wird, schlägt Appel nun eine weitere Option vor, den Raum von seinen Grenzen her zu fassen: „Böden sind Treppen ohne Wände“ heißt die Installation, mit der der 35-Jährige die weitläufige Werkhalle nicht nur bespielen, sondern in ein begehbares Modell räumlichen Denkens verwandeln will.    

  

Benjamin Appel: Böden sind Treppen ohne Wände.

Erich Hauser Kunststiftung

Saline 36, Rottweil.

Öffnugnszeiten: Mittwoch und Donnerstag 9.00 bis 13.00 und 14.00 bis 17.00 Uhr,

Samstag und Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr.

5. bis 27. Oktober 2013.




Kunststiftung Erich Hauser
Galerie Weingrüll