25/09/13

Bildersammler

Das Museum für Gestaltung Zürich widmet dem britischen Fotografen Martin Parr eine Retrospektive

von Annette Hoffmann
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Martin Parr, England, New Brighton, 1985, aus der Serie The Last Resort, © Martin Parr/Magnum

Das Museum für Gestaltung Zürich widmet dem britischen Fotografen Martin Parr eine Retrospektive

Man kann über Martin Parrs Werk nicht sprechen, ohne seine Serie „The Last Resort“ zumindest zu streifen. Nicht nur, weil sich der Brite mit diesen Aufnahmen der Farbfotografie zuwandte, sie berühren mit der Frage nach der Nähe auch ein grundsätzliches Problem des Dokumentarischen. Seit Mitte des 19. Jahrhundert war New Brighton ein beliebtes Feriendomizil für die umliegenden Industriestädte an der Irischen See, während der Regierung von Margaret Thatcher verkam es zunehmend. Parrs Serie dokumentiert ein Versagen des Staates, der jegliche Infrastruktur vernachlässigt und nicht einmal in der Lage war, die Müllabfuhr hinreichend zu gewährleisten. Doch Parr (*1952) zeigt 1985 auch kreischende Möwen vor postkartenblauem Himmel und Union Jack, eine Kim Wilde-Schönheit in einer Eisdiele, die direkt in die Kamera schaut und von den Kindern durch eine Schranke abgetrennt ist und Menschen, die sich zum Sonnenbaden neben Baustellenfahrzeugen ausstrecken. Anscheinend ist der Wille zum Glück mitunter größer als dieses selbst oder sollte man das, was aus diesen Bildern spricht, Resignation nennen?

Parr jedenfalls hatte mit dem Seebad und dem damit verbundenen Phänomen des Tourismus eines seiner Themen gefunden. Später reiste er mit der Kamera an die belgische See, wo er – mit sichtlich weniger Sympathie – die Reichen und ihre faltige, der Sonne zugewandte Haut und ihren ausgestellten Wohlstand dem Betrachter darbot. Martin Parr ist gnadenlos, wenn es gilt, die Schwächen der Mitmenschen, die Stillosigkeit, die sich in allen sozialen Klassen findet, abzubilden. Sei es, auf Kunstmessen, vor sogenannten touristischen Highlights oder in der Schweiz, wo Martin Parr auf Einladung des Museum für Gestaltung Zürich in den letzten beiden Jahren mehrere Monate fotografierend verbrachte. Entstanden sind dabei Aufnahmen vom Polo Welt Cup in St. Moritz, auf denen Schoßhunde sich in die Pelzmäntel der Zuschauerinnen schmiegen. Parr zeigt in Zürich aber auch ein Selbstporträt vor dem Matterhorn mit geliehenem Bernhardiner. Wenn er auf seinen Fotografien die Gier nach Geltung, Geld, mitunter einfach nach Leben abbildet, nimmt er sich selbst nicht heraus. Mit viel Selbstironie begibt sich Parr auf das Feld der Erinnerungsfotos und so sieht man ihn im Maul eines Hais, mit Putin oder Messi. Der Fotograf ist Sammler durch und durch, eine Leidenschaft, sie sich nicht auf das Bild beschränkt. Während der Thatcher-Jahre begann er aus einer Hassliebe Devotionalien der Eisernen Lady zu sammeln, mittlerweile kamen ähnlich skurrile Souvenirs von Osama bin Laden oder Saddam Hussein hinzu. Das Menschliche ist dem Fotografen nicht fremd.

 

Martin Parr, Souvenir

Museum für Gestaltung

Ausstellungsstr. 60, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20,00 UHr.

Bis 5. Januar 2014.




Museum für Gestaltung Zürich