24/09/13

Collage aus Prinzip

Im Kunstmuseum Ravensburg geben Gert und Uwe Tobias einen Überblick auf ihr Werk

von Annette Hoffmann
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Gert und Uwe Tobias, Ohne Titel, 2013, Holzschnitt auf Leinwand, Foto Alistair Overbruck, VG Bild-Kunst Bonn, 2013, Gert und Uwe Tobias, Ohne Titel, 2013, Farbiger Holzschnitt auf Papier, Foto Alistair Overbruck, VG Bild-Kunst Bonn, 2013

Im Kunstmuseum Ravensburg geben Gert und Uwe Tobias einen Überblick auf ihr Werk

Der Tisch ist reich gedeckt. Statt eines Klöppels ragt ein Vogelkopf aus einer Glocke, rechts davon steht ein merkwürdiges Mischwesen und darüber erhebt sich ein ganzes Dickicht von Dornenranken. Große Rosetten sind voll erblüht. Mag es am schwarzen Grund liegen, von dem sich dieses Arrangement farbkräftig abhebt, mag es der Tisch sein, der eine Bühnensituation schafft, alles sieht nach großem Auftritt und nach einem besonders exaltierten Moment aus. Wie so häufig bei Gert und Uwe Tobias (*1973), so verweist auch dieser unbetitelte großformatige Holzschnitt von 2013 über seine bloße Oberfläche hinaus, indem zugleich das Referenzsystem aufgezeigt wird, auf das sich die Zwillinge beziehen: Manierismus und Surrealismus sowie die Volkskultur.

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Gert und Uwe Tobias, Ohne Titel, 2013, Mischtechnik Schreibmaschine auf Papier, Foto: Alistair Overbruck, VG Bild-Kunst Bonn, 2013

In ihrer Austellung im Kunstmuseum Ravensburg zeigen Gert und Uwe Tobias die ganze Bandbreite ihres Schaffens, vom Holzschnitt bis zur Schreibmaschinenzeichnung, von der Gouache und Collage bis zur Skulptur. Neben frühen Werkgruppen wie „Come and see before the tourists will do“ und „Die Mappe“ zeigen sie auch aktuelle Arbeiten. In der räumlichen Umsetzung – eine Reihe mit Sockeln und Glasstürzen zieht sich als Symmetrieachse durch die Ausstellung – ist dies deutlich weniger konzeptionell als etwa ihre Schau im Hamburger Kunstverein oder im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlung Dresden 2012. Doch die Auswahl der knapp 40 Werke rückt die Motive stärker in den Fokus. So lässt sich durch die verschiedenen Medien nachvollziehen, wie das Künstlerduo sein Formenvokabular entwickelt und mit ihm experimentiert. Eine Collage von 2011 zeigt etwa auf gelbem Hintergrund eine Kuhglocke, deren Klöppel ein Komma ist. Das Glockenband ist reich bestickt und lässt eine siebenbürgische Handarbeit vermuten. Aus ihm sprießen ein amorphes Gesicht, das sich aus Papierschnipseln zusammensetzt und Blütenornamente, die wiederum ausgeschnitten sind, so dass der schwarze Hintergrund sichtbar wird, der hinter dem Gelb liegt.

Gert und Uwe Tobias, die im rumänisch-deutschen Brasov aufgewachsen sind, haben die Collage seit dem Ende ihres Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig nicht allein als eigenständige Kunstform für sich entdeckt, sondern auch als Kunstprinzip. Selbst ihre Skulpturen entstehen aus der Verbindung von Unzusammenhängendem, indem sie Alltagsgeschirr, das die beiden auf dem Trödel finden, und grob geformte Figuren mit meist komisch-skurrilem Ausdruck verbinden. Triviales trifft auf ein künstlerisches Original und wird mit Hintersinn inszeniert. In Ravensburg stehen diese Skulpturen mal unter dem Glassturz, mal auf ihm und ironisieren so nicht nur den Wert eines Kunstwerkes, sondern auch seine museale Präsentation. Umso mehr bauen die großformatigen, farbintensiven Holzschnitte, mit denen die Zwillinge vor zehn Jahren schlagartig bekannt wurden, auf der Collage auf. So beruht die Bildfindung auf einer additiven Komposition von Motiven, aber auch der Arbeitsprozess selbst, bei dem einzelne Segmente neben- und übereinander wie Stempel auf den Bildgrund gedruckt werden. Die besondere Beschaffenheit der Farbe, ihre samtene Dichte, aber auch das Durchscheinen tieferer Schichten, die durch das Pressen der Hand entsteht, verliert sich bei den neueren Arbeiten, die zunehmend auf Leinwand gedruckt sind.

Ungewöhnliche Farbkombinationen und der spielerische Umgang mit Bedeutungen, den die Tobias-Brüder pflegen und der ohne die Postmoderne nicht denkbar wäre, haben aus dem Holzschnitt wieder ein Medium der Gegenwart gemacht. Bildsysteme geraten in Fluss. Da blüht einem weißen Totenkopf, der eine merkwürdige gelbe Haube trägt, um das Auge eine rote Rose. Dort, wo einmal eine Nase war, rinnt eine Spirale herunter und eine weibliche Brust balanciert auf einem Dreieck, das auch reine Farbfeldmalerei sein könnte. Die gepflegte linke Hand ist auf dem Bildrahmen abgelegt, als säße hier eine adelige Dame Porträt. Die Kunstgeschichte ist Gert und Uwe Tobias ein reich gedeckter Tisch.

Gert und Uwe Tobias

Kunstmuseum Ravensburg

Burgstr. 9, Ravensburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 27. Oktober 2013.

Katalog im Kerber Verlag, 2013, 64 S., 29,90 Euro | ca. 39.80 Franken.

 


 




Kunstmuseum Ravensburg