23/09/13

Der Glamour der hohlen Phrase

David Renggli vermisst in der Kunst Halle St. Gallen die Fallhöhen zwischen Schein und Sein

von Dietrich Roeschmann
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David Renggli, Irgend, Nude, Neu, Sorry, Saebel, alle 2013, Courtesy: der Künstler; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Wentrup, Berlin; Valentin, Paris, Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier

David Renggli vermisst in der Kunst Halle St. Gallen die Fallhöhen zwischen Schein und Sein

Die Präzisierung der eigenen Handschrift gehört seit jeher zu den Essentials künstlerischer Selbstvermarktung. Logisch: Sie garantiert Wiedererkennbarkeit, suggeriert Kohärenz und Konsequenz eines Werkes, steigert im besten Fall die Nachfrage – und wenn es so richtig perfekt läuft, mutiert das Self Branding auch gerne mal zum Knast. Baselitz hat es vorgemacht: Seine Kopfstände sind längst zur leeren Formel geworden, Zeichen des künstlerischen Stillstands.  

David Renggli muss sich über derlei Probleme keine Gedanken machen. Seit der 1974 geborene Zürcher Mitte der Nullerjahre mit in Flüssigkeit eingelegten Stillleben aus Brockenhaus-Trash, Objektwitzen zur Schweizer Befindlichkeit („Der Apfel fällt nicht“, 2004) und Neodada-Assenblagen voller subversivem Witz und zarter Ironie von sich reden machte, hat er mit nahezu jeder neuen Werkgruppe einen neuen Weg eingeschlagen. Handschrift? Bei Renggli sucht man sie vergeblich. Kontinuität gibt es bei ihm eher als Abfolge immer neuer Überraschungen. Mal betätigt er sich als pointensicherer Arrangeur banaler Alltagsgegenstände, dann wieder als Maler mit Hang zu super-idiosynkratischen Oberflächen; zwischenzeitlich machte er mit der Post-Electrodisco-Band „Waldorf“ als Pop-Star Karriere, brachte kürzlich den Kurator des Luzerner Museums Bellpark mit einer im Akkord zusammengeklebten Materialschlacht von 2000 Collagen an den Rand des Nervenzusammenbruchs und ist jetzt mit einer Reihe neuer Arbeiten in St. Gallen zu Gast, die sich äußerst geschmackvoll an ästhetischen Potenzial der hohlen Phrase abarbeiten.

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David Renggli, Ausstellungsansicht, I Love You (b/w), 2013, Compositions, 2013, Courtesy: der Künstler; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Wentrup, Berlin; Valentin, Paris, Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier
Schon das Setting im ersten Raum setzt auf Überwältigung durch perfektes Finish. Eine mannshohe Blockflötenattrappe aus warm getöntem Eichenholz hängt hier vor einer monumentalen Hinterglasmalerei aus der ebenso romantisch wie banal betitelten Serie „I Love You“. Die transparente Schwarz-Weiß-Komposition wirkt wie eine japanische Kalligrafie, der Renggli jede Askese ausgetrieben hat. Stattdessen regiert Glamour pur. Doppelt und dreifach – je nach Lichteinfall – spiegeln sich die Schatten der Tintenbahnen auf dem schimmernden Alu, mit dem das Glas hinterlegt ist. Fläche mutiert zu Raum, der Grund zu einem Kaleidoskop der Reflektionen, in dem das Auge kaum Halt findet. Die grellen Neonfarben, die der Künstler für eine zweite Hinterglasarbeit verwendet hat, verstärken diesen Hologramm-Effekt auf fast schon frivole Weise. Aber natürlich ist der schöne Schein auch hier nicht ohne Störgeräusche zu haben, und so rattert neben Rengglis High-Gloss-Painting ein Generator, der ein computergesteuertes Gebläse mit Druckluft versorgt. Zwei daran angeschlossene Blockflöten intonieren alle paar Minuten eine klägliche Version von Led Zeppelins „Stairway to Heaven“, die das ganze Pathos dieser Ballade dem Erdboden gleichmacht und zugleich den Wiederholungszwang Tausender Gitarrenamateure persifliert, durch den der Song zu einem der meistgecoverten Hits der Popgeschichte avancierte.

Auch die zentrale Arbeit der Ausstellung bezieht ihren Humor zu großen Teilen aus der Überinszenierung des Abgedroschenen. Sie besteht aus gut einem halben Dutzend Neonskulpturen, die sich wie Bäume im Raum verteilen und Füllbegriffe der Alltagskommunikation oder Wortfragmente an der Schwelle zur Bedeutungslosigkeit in ihren Kronen tragen: „Irgend“, „Sorry“, „Aber“. Im Schatten ihres Gestammels, das in den Farben abgeschmackter Hollywood-Klischees der nächtlichen Großstadt leuchtet, steht eine einsame Betonbank, auf der Renggli ein hübsches Arrangement von Flusskieseln und Münzen ausgelegt hat. Zum Sitzen ist sie nicht geeignet. Dafür aber ein schöner Anlass zum Nachdenken über die Fallhöhen zwischen Schein und Sein, die Renggli in dieser enigmatischen Schau vermisst.


David Renggli: Scaramouche.

Kunst Halle Sankt Gallen

Davidstr. 40. St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 27. Oktober 2013.

 




Kunst Halle St. Gallen