29/11/12

Surreale Schatzkammer

Im Kunstmuseum Bern suchen fünf junge Schweizer Künstlerinnen und Künstler den Dialog mit Meret Oppenheim.

von Florian Weiland
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Im Kunstmuseum Bern suchen fünf junge Schweizer Künstlerinnen und Künstler den Dialog mit Meret Oppenheim.

Es war ein beliebtes Spiel der Surrealisten. Ein Blatt Papier und ein Stift und es konnte losgehen. Jeder Mitspieler zeichnete eine Partie, faltete das Papier zusammen und reichte es weiter. Der nächste fügte einen neuen Teil hinzu, ohne das Vorherige zu kennen. Das Ergebnis fiel nicht selten ausgesprochen skurril aus. Maya Bringolf haben es diese sogenannten „Cadavres-exquis“ von Meret Oppenheim (1913-1985) angetan. Bringolf ist eine von fünf jungen Schweizer Künstlerinnen und Künstlern, die das Kunstmuseum Bern zu der ungewöhnlichen Hommage „Merets Funken“ für die große Surrealistin anlässlich ihres 100. Geburtstages eingeladen hat. Jeder darf einen Raum bespielen und dabei eigene Arbeiten Werken Oppenheims gegenüberstellen. Ein spannender künstlerischer Dialog entsteht, der zum Teil erstaunliche Gemeinsamkeiten offenbart und nicht zuletzt noch einmal die künstlerische Vielseitigkeit Oppenheims eindrucksvoll vor Augen führt.bohrorgel7.jpg

Den Träumen kommt im Surrealismus große Bedeutung zu. Nicht anders in dieser Ausstellung. Elisabeth Llach ließ sich in ihrer Rauminstallation vom Schlafzimmer Meret Oppenheims inspirieren. Sobald man durch eines der zahlreichen Gucklöcher blickt, verwandelt sich der ins Dunkel getauchte Raum in eine Schatzkammer. Auf Oppenheims verspielte Collagen nimmt neben Llach auch Maya Bringolf Bezug, die Kirchenorgeln auf Ölbohrplattformen montiert. Ein Hingucker ist Bringolfs monströse Röhrenskulptur, die ohrenbetäubende Atemgeräusche erzeugt. Tatjana Gerhard und Vidya Gastaldon präsentieren Bilderwände, auf denen sich eigene Gemälde mit Arbeiten Oppenheims mischen. Motive wiederholen sich. Die mit Adern bemalten Handschuhe Oppenheims etwa erwachen in Gerhards Bildern zu neuem Leben, und auch das „Läbchuchegluschti“ der Surrealistin findet ein gemaltes Pendant. Doch während Oppenheim das kindlich Naive und Absurde betont, steht bei den Jüngeren oftmals eine eher düstere Sicht der Dinge im Vordergrund.

Meret Oppenheims „Frühstück im Pelz“ ist zu einer Ikone der modernen Kunstgeschichte geworden. Dabei begann alles mit einem Scherz. Oppenheim hatte kurz zuvor einen mit Fell verzierten Armreif entworfen, als sie sich mit Pablo Picasso und Dora Maar in einem Pariser Café traf. Picasso, so lautet eine Version der Geschichte, soll ihr daraufhin vorgeschlagen haben, doch auch die Kaffeetasse, die der Kellner brachte, mit Fell zu besetzen, damit das Getränk länger warm bliebe. Gesagt, getan. Die Pelztasse machte Meret Oppenheim, die später darauf beharrte, die Idee sei von ihr ausgegangen, schlagartig bekannt. Die damals gerade 23-jährige Künstlerin konnte nicht ahnen, dass das Fluch und Segen zugleich bedeuten sollte. Denn ganz gleich, was sie danach auch anpackte: Die fellüberzogene Tasse dominierte alles.

Die Pelztasse darf in Bern freilich nicht fehlen. Francisco Sierra hängt einen überdimensionierten Pelzarmreif in die Mitte des Ausstellungsraumes und montiert darauf exemplarische Arbeiten Oppenheims, darunter, wie passend, Pelztassen en miniature. Eine gelungene Kritik an der eindimensionalen Sicht auf Oppenheim als „One Hit Wonder“. Vidya Gastaldon scheint die negativen Seiten der Pelztasse ebenfalls erfasst zu haben: sie präsentiert eine gedeckte Kaffeetafel, deren Tassen und Teller monsterähnliche Fratzen tragen.

Die fünf ausgewählten Künstlerinnen und Künstler könnten Urenkel von Meret Oppenheim sein, und doch greifen sie ähnliche Motive und Themen auf. „Die Ausstellung ist ein Plädoyer für die künstlerische Ausdrucksfreiheit“, erklärt Kuratorin Kathleen Bühler. Oppenheim wirke nach wie vor vorbildhaft. Es zeige sich, dass alles, was in der zeitgenössischen Kunst üblich geworden sei – interdisziplinäres Vorgehen, thematische und formale Vielfalt, ein breites Spektrum an Techniken und Materialien – in ihrem Werk bereits angelegt ist. Der Funke springt, um den Ausstellungstitel aufzugreifen, fraglos über. Doch in Sachen Ideenreichtum und Originalität bleibt Oppenheim ungeschlagen.

Merets Funken – Surrealismen in der zeitgenössischen Schweizer Kunst.
Kunstmuseum Bern

Hodlerstr. 8-12, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 10. Februar 2013.
Kunstmuseum Bern