21/09/13

Im Farbüberschuss

Richard Jacksons Retrospektive "Ain't Painting a Pain" in der Münchner Villa Stuck

von Sören Schmeling
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Richard Jackson,
 Ballerina, 2009, 
Installationsansicht Museum Villa Stuck, 2013,  Courtesy Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, Private collection, Paris 
Foto: Nikolaus Steglich 
© Richard Jackson


Richard Jacksons Retrospektive "Ain't Painting a Pain" in der Münchner Villa Stuck

Richard Jackson gibt Gas. Bälle, die an die Felgen eines alten amerikanischen Ford Pinto montiert sind, rotieren. Farbe, die durch Gehilfen von oben herab auf diese große Kugeln gegossen wird, spritzt durch den Ausstellungsraum der Villa Stuck. Die Drehzahl entscheidet über die Beschleunigung. Ein Keilriemen treibt nicht nur die Bälle, sondern auch ein Brett an, das wie ein Quirl die Farbe weiter im Raum verteilt. So entsteht ein dreidimensionales Allover, eine erweiterte, ja teilautomatisierte Form pollockscher Malerei. Und tatsächlich war Pollock eine Initialzündung für Jacksons eigenes künstlerisches Werk. Nun sind jedoch alle bei der Einrichtung der Ausstellung in Betrieb befindlichen performativen Bildwerke still gestellt. Sie wirken wie Relikte, im doppelten Wortsinn, denn sie sind zudem größtenteils Re-Inszenierungen seiner in den 1970er Jahren entstandenen Arbeiten.

Für Jackson – 1939 in Sacramento, Kalifornien, geboren – gehört die Retrospektive der Villa Stuck zur bislang größten in Europa. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf seinem aktionistischen Werk: Hohlköpfe und auf dem Kopf stehende Hohlfiguren aus Kunststoff, denen ein Trichter in der Schädeldecke oder im Hintern steckt, werden so mit Farbe gefüllt, dass sie ihnen zu Mund, Nase oder Ohren wieder hinausläuft. Der Farbe überdrüssig könnte man meinen! Auch ein Dokumentationsvideo unterstreicht dies: Eine Kampfdrohne mit gefüllten Farbtanks zerschellt an einer überdimensionalen Leinwand. Im Vorgang, sich der Farbe zu entledigen, wird diese erst richtig sichtbar. So nagelt Jackson frisch bemalte Leinwände mit der noch feuchten Bildfläche mit einer Ecke an die Wand, um sie daraufhin um den Nagel zu drehen. Indem sich der ursprüngliche Bildträger entleert, füllt sich die Wand mit Farbhalbkreisen, was entfernt an Delaunays Kreisbilder erinnert. Überhaupt nimmt Jackson gerne ironisierende Anleihen an die Kunstgeschichte der vergangenen beiden Jahrhunderte: So schießt er  8000 Mal mit einem Luftgewehr gezielt auf eine Nachzeichnung von Georges Seurat „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“ mit in Farbe getauchten Projektilen, eine buchstäblich „eindrückliche“ Art des pointilistischen Kopierens. Jacques-Louis Davids „Tod des Marat“ wandelt er in eine raumgreifende Installation um, bei der in die Badewanne eines rot beleuchteten Raums grüne Farbe mithilfe einer Waschmaschine gepumpt wird: Eine komplementäre Verkehrung der Farbsituation des Originals.

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Richard Jackson,
 Wall Painting and Stacked Painting, 
Installationsansicht Museum Villa Stuck, 2013,
 Foto: Nikolaus Steglich
 © Richard Jackson, Credits Ohne Titel (Projekt für Villa Stuck), 2013, Courtesy the artist, 5050 Stacked Paintings, 1980–2013, Rennie Collection, Vancouver

Gerade im Kontrast zur prächtigen Privatvilla des erfolgsverwöhnten Symbolisten Franz von Stuck, gewinnt das Werk des Einzelgängers Jackson, der von der Kunstgeschichte teilweise übersehen wurde, an besonderer Kontur. Im Gegensatz zum noch zu Lebzeiten arrivierten Stuck konnte sich Jackson bis anhin nicht durch seine Kunst finanzieren, da er wider den Rat von Galeristen und Freunden seine Bilder lange Zeit die Preise seiner Bilder nicht hoch trieb, sondern sie stets für um die 1000 Dollar verkaufte. Ein weiterer Schwerpunkt, der den Charakter der Rückschau unterstreicht, sind die 100 Zeichnungen, die auch als ästhetische Dokumente seiner oftmals unrealisierten Projekte fungieren. Teilweise sind in sie ephemere Collagen integriert. So zeigt ein übermaltes Polaroid, was passieren könnte, wenn man das Waschwasser eines Scheibenwischers mit Farbe auffüllte: Eine Einladung, die vermeintlich klare Sicht auf die Realität farbig zu verwischen und damit eine neue zu schaffen. Das kann durchaus ambivalent sein, wie seine titelgebende Arbeit „Aint painting a pain“ von 2012 formuliert. Denn erst durch das Verdecken und Auslöschen zeigt sich ein neuer Zusammenhang. So presst Jackson in einzelne Buchstaben einer Leuchtschrift, die vier Mal das Wort painting wiederholt, Farbe. Erst durch die teilweise von innen opak gewordenen, fragmentierten Worte entsteht letztendlich die Frage nach der Qual der Malerei.

Richard Jackson, Ain’t Painting a Pain.

Villa Stuck

Prinzregentenstr. 60. München

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 13. Oktober 2013.

 




Villa Stuck