20/09/13

Über die Grenze hinweg tanzen

Das Festival "Crossing Media" in Esslingen bietet Bühnen für sämtliche Strömungen der Gegenwartskunst

von Valérie Hasenmayer
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crossingmediacavziel.jpgPaul Harrison, John Wood, Unrealistic Montaineers, 2011, Courtesy von Bartha

Das Festival "Crossing Media" in Esslingen bietet Bühnen für sämtliche Strömungen der Gegenwartskunst

Nein, wir befinden uns nicht in einer der großen Metropolen, nicht auf einem der vielen Kunstfestivals an den hippen Sammelplätzen kunstsuchender Bohemiens. Nicht in einer der vielen Off-Locations, die von Letzteren besetzt und mit wildesten Performances bespielt werden. Schauplatz ist das schwäbisch-beschauliche Esslingen, und dort der noch beschaulichere Merkelpark, der von einer Off-Location so weit entfernt ist wie der gemeine Esslinger vom gemeinen Bohemien. Künstlerisch inspirierenden Schmutz und lässig hingeworfene Brocken kreativer Gedankendhiarroe muss man hier suchen, dafür gibt es kurz geschorenen Rasen, Spaziergänger in der Abendsonne und die Gründerzeit-Villa des Industriellen Oskar Merkel, mondän und hübsch restauriert. Das einzige, das auf den ersten Blick großstädtisch improvisiert wirkt, ist die „B.A.R – beverage.art.edemption“, ein Getränkeausschank, den Andreas Egli und Thomas Schoenberger  von „Les Lieux“ aus Materialien gebaut haben, die sie in der näheren Umgebung gefunden haben.

Und doch passiert hier etwas, das zumindest in Esslingen nicht ganz alltäglich ist. Nicht nur Künstler verschiedener Sparten kommen in „Crossing Media“ zusammen und schaffen einen Mix unterschiedlicher Genres. Es wird gleichzeitig auch viel in Bewegung gebracht – und eine Bühne geschaffen, für die Kunst, für die Performance, für den Besucher. Zunächst wird der Merkelpark – und dafür scheint er wie geschaffen – endlich zum Kunstpark, den der Besucher wandelnd erschließen kann. Passenderweise mit Werken, die scheinbar die Grenze zwischen Urbanität und Natur, zwischen Medienwelt und Realität auf wunderbare Weise aufheben: die Eindimensionalität großformatiger Webcam-Bilder wird ironisch aufgelöst durch Kurt Caviezels riesenhaft wirkende Insekten auf der Linse. Nebenan der „Workskull“ vom Atelier van Lieshout, den man zunächst mit einem leicht deplatzierten Glascontainer verwechseln könnte, sich in Wirklichkeit aber als kleine Arbeitshöhle samt Neckar-Ausblick und Schreibtischsituation entpuppt. So gewappnet tritt man ins Innere, das immer wieder zur Aktion und Reaktion einlädt – und das Crossover-Thema auf mitunter überraschend abstrakte Weise widergibt. Klanginstallationen aus dem Hallen diverser Bronzeskulpturen in Paris, „El Mundo – All Brand Name“, die Aufzeichnung eines klassischen Konzerts, das der Stuttgarter Künstler und Kunstakademie-Professor Rainer Ganahl in einem Billigmarkt in Spanish Harlem veranstaltet. Oder eine Videoinstallation, die vom Besucher erst gestaltet wird. Er betritt die Bühne, wird zum Akteur und Künstler und schließlich wieder zum Zuschauer. Performance, Fotografie, bildende Kunst, Installation, Licht, sie werden gemischt, wieder voneinander getrennt und fließen dennoch ineinander über.

Ganz neu ist das alles nicht, und doch scheint es eine Art Höhepunkt zu erreichen, wirkt weniger konstruiert als durchdacht, weniger gewollt als noch zu den Anfängen der polarisierenden Grenzüberschreitungen in der Kunst. Dazu kommt das ungewöhnliche Programm zur Ausstellung, inklusive Moonshine-Picknick, einer flashmobartigen Tanzperformance, ein Besuch vom Akteuren des Stuttgarter Filmwinters, Workshops und Führungen. Und spätestens, wenn man die Villa Merkel wieder verlässt und auf der Wiese liegend die tanzenden Füße der Arbeit „Top View“ von Nevin Aladag und Betate Engl auf der großen Leinwand im Park betrachtet, dämmert einem eine vage Erkenntnis, und zwar eine gute: Es wird nicht nur möglichst subversiv vermischt und experimentiert, gekreuzt und entgrenzt, sondern gemeinsam geschaffen, mitunter sogar im Gleichschritt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Festival der Künste eine zweite Auflage erfahren darf.

Crossing Media – Der Kunst die Bühne.

Villa Merkel. Galerien der Stadt Esslingen

Pulverwiesen 25, Esslingen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 6. Oktober 2013.

Das Festival wird von mehreren Publikationen begleitet.




Villa Merkel