11/09/13

Flirrende Bänder

Zwischen Op-Art und kinetischer Kunst. Zilvinas Kempinas im Museum Tinguely in Basel.

von Annette Hoffmann
Thumbnail

kempinastimeline.jpg

Zilvinas Kempinas, Time Line, 2013, © Courtesy of the artist, Galerie Yvon Lambert, Paris und Galerija Vartai, Vilnius, Museum Tinguely, Basel 2013, Foto: Daniel Spehr

Zwischen Op-Art und kinetischer Kunst. Zilvinas Kempinas im Museum Tinguely in Basel.
So frei ist der Mensch nur, wenn er spielt. In einem der Ausstellungssäle im Obergeschoss des Museum Tinguely steht ein Band in der Luft. Genauer: es flattert im Raum, senkt sich bis fast auf den Boden, um dann in Schlangenlinien wieder an Höhe zu gewinnen. Ein wenig erinnert es an ein langes Springseil, über das man mir nichts dir nichts hüpfen möchte, das einen dazu verleitet, die eigene Schwerkraft so weit wie möglich hinter sich zu lassen.

Einfach staunend davorzustehen, scheint nicht die angemessene Haltung gegenüber Zilvinas Kempinas‘ Werk zu sein. Kempinas (*1969) hat sich mit seiner so leichtfüßig wirkenden Kunst über das ganze Museum ausgebreitet, so dass seine Werke einen heiteren Gegenpol zu den schwergewichtigen Skulpturen und Assemblagen des Hausherrn bilden. Wenn bei Jean Tinguely Metall auf Metall schlägt, Schrott und Knochen vor sich hin klappern, treffen bei Zilvinas Kempinas Magnetbänder und Fluoreszenzröhren aufeinander und natürlich auch auf die Luftströme, die von den Ventilatoren hervorgerufen werden und die alles zum Tanzen bringen. Der in New York lebende Litauer praktiziert eine Form von kinetischer Kunst, die sich oft fast materielos gibt und die physikalischen Gesetze, die sie ermöglichen, eher nebenbei inszeniert.

Nur einmal wird Kempinas mindestens so überwältigend theatralisch wie Jean Tinguely. Im Untergeschoss kann der Besucher in die abgedunkelte Rauminstallation „Ballroom“ aus dem Jahr 2010 eintauchen, bei der bunte Lichtbögen auf den Boden geworfen werden, die sich an den Seiten spiegeln. Dass der Künstler früher für das Theater gearbeitet und Bühnenbilder entworfen hat, lässt sich dann doch nicht verleugnen. Ansonsten herrscht das Schwarz-Weiß der Op-Art vor. Und darauf verweist bereits der Aufgang an der imposanten Fensterfront. Kempinas hat in seiner Installation „Timeline“ unzählige Magnetbänder von oben nach unten geführt. Jeder Blick, den man im Vorbeigehen auf den Rhein wirft, wird segmentiert als könnte man diese Zeitschiene in einzelne Einstellungen dividieren. Jeder produziert hier seinen eigenen Film, ohne jedoch der Bilder gewahr zu werden, die möglicherweise auf den Bändern gespeichert sind. Der Standpunkt des Betrachters und seine Bewegungen im Raum sind in Kempinas‘ Ausstellung „Slow Motion“ maßgeblich, sie entscheiden über die Verkürzungen der Perspektive, ob die gespannten schwarzen Bänder flächig oder räumlich wahrgenommen werden, ob sie zu flirren anfangen, imaginäre Räume einziehen oder gar Moiréeffekte ergeben. Man muss Kempinas‘ Räume betreten, ganz erfassen kann man sie nicht einmal dann. Das wäre eine illusionistische Illusion.  

Zilvinas Kempinas, Slow Motion

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 22. September 2013.





Museum Tinguely