09/09/13

Unglaublich nah - und schon wieder vorbei

Von Natur aus flüchtig, rückt die Performancekunst jetzt in den Fokus mehrerer Events

von Annette Hoffmann
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Alexandra Bachzetsis und Anne Pajunen, in: "A Piece Danced Alone" © Eliane Rutishauser / Performancepreis Schweiz 2012

Von Natur aus flüchtig, rückt die Performancekunst jetzt in den Fokus mehrerer Events

Länger als eine Textseite nimmt sich Erika Fischer-Lichte in ihrer „Ästhetik des Performativen“ Zeit, Marina Abramovics Performance „Lips of Thomas“ zu beschreiben. Dass sie sich dabei an das Ereignis von 1975 dennoch lediglich annähert, ist die Crux dieser Kunstform. In ihrer Hinführung auf einen Begriff des Performativen geht es der Theaterwissenschaftlerin auch um einen doppelten Normbruch: den der Künstlerin, die ihre Zuschauer Zeugen werden lässt, wie sie Unmengen von Honig und Wein zu sich nimmt, sich einen Schnitt zufügt, sich Hitze und Kälte aussetzt – und den der Zuschauer, die das alles irgendwann nicht mehr ertragen konnten und nach gut zwei Stunden eingriffen und die Künstlerin wegbrachten. Performance ist kein Theater. Hier ist alles echt, keine Rolle distanziert von den dargestellten Emotionen und Konflikten, keine Tricks oder Effekte schützen den Körper der Performenden. Umso größer ist die Empathie der Zuschauer für die Künstler, gerade wenn sie mitunter nicht über die professionelle Bühnenpräsenz eines Theaterschauspielers verfügen.

Die Performancekunst boomt. Festivals und Veranstaltungsschwerpunkte gibt es in diesem Herbst unter anderem in Winterthur, wo vom 3. bis 6. Oktober 2013 das Event „Perform Now!“ stattfindet, sowie in Basel mit der Reihe „Performance heute“ vom 26. bis 28. September 2013. Ebenfalls in Basel wird im Herbst über den Performancepreis Schweiz entschieden (Kaserne Basel, 28. September 2013, 17 Uhr). Performance ist Augenblickskunst, die nicht reproduzierbar ist. Künstler wie Tino Sehgal, der in diesem Jahr mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig ausgezeichnet wurde, wissen darum und unterstützen dies, indem sie untersagen, Fotos von ihren Arbeiten abzudrucken. Die Sehnsucht nach Nähe und einer gemeinsamen authentischen Erfahrung von Seiten des Publikums ist das eine, was die Performancekunst derzeit so aktuell erscheinen lässt, das andere ist die Auflösung der Grenzen zwischen den Sparten und Szenen. Kunstinstitutionen stellen die Hinterlassenschaften einer Performance als Environment aus, die Übergänge zwischen zeitgenössischem Tanz und Performance sind oft fließend. Die Performance bewegt sich aus der  Nische heraus.        

 




Kaserne Basel
Performance Art Award
Perform now