04/09/13

Wurzeln in der Moderne

In Straßburg ist Haegue Yangs Ausstellung „The Family of Equivocations“ zu sehen

von Annette Hoffmann
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Haegue Yang, Blind Curtain - Flesh Behind Tricolore, 2013, Courtesy Galerie Chantal Crousel, Ausstellungsansicht MAMCS, Strasbourg, 2013, Foto: Musées de la Ville de Strasbourg, Mathieu Bertola

In Straßburg ist Haegue Yangs Ausstellung „The Family of Equivocations“ zu sehen

 

Die Geschichte, wie Haegue Yang sich mit einer Ausstellungseinladung nach London konfrontiert sah, nicht wusste, was sie zeigen sollte und zugleich keinen Raum hatte, um ihre alten Arbeiten zu lagern, wurde schon oft erzählt. Kurzerhand verzurrte sie diese zu einem mehr oder weniger handlichen Stapel, ließ ihn nach London transportieren und zeigte ihn dort. Es ist nicht nur die Geschichte eines raffinierten künstlerischen Pragmatismus, sondern auch die des Durchbruchs der 1971 in Seoul geborenen Haegue Yang. Seitdem vertrat sie ihr Land Südkorea auf der Venedig Biennale 2009, Ausstellungen von ihr waren in Bregenz und Hamburg zu sehen, sie bespielte die Turbinenhalle der Tate Modern und war zur letzten Documenta eingeladen. In ihrer Einzelschau „Family of Equivocations“ im Musée d’Art moderne et contemporain de Strasbourg, die sich auch auf die Aubette 1928 ausbreitet, muss man daran des Öfteren denken. Denn Yang, die nach ihrem Abschluss in Seoul ihr Studium an der Frankfurter Städelschule fortsetzte, komprimiert gern. Durch Falten, Überlagern, Neu-Arrangieren. Mitunter greift sie dabei unmittelbar auf die asiatische Technik des Origami zurück.

In ihrer Installation „Blind Curtain – Flesh Behind Tricolore“, die den Betrachter gleich im Eingang empfängt, wird einer der Gründe offensichtlich, warum dies so ist. Ihre Arbeit, die sich aus unzähligen farbigen Jalousien zusammensetzt, ist durch das vorherrschende Weiß, die Blau- und Rottöne nicht nur eine Hommage auf die französische Flagge, es zeigt sich auch, wie wichtig die normierten Größen der Jalousien sind. Manche hängen das verglaste Treppenhaus hinab, andere sind in den oberen Reihen quer gestellt. Nimmt man das Zusammenspiel dieser „Venetian Blindes“ als Fläche, erinnert es an die Farbfeldmalerei, nimmt man es als räumliche Installation, fallen die wabenähnlichen Strukturen mitsamt der gekreuzten Diagonalen auf, die die Jalousien bilden. Ein wenig ähnelt „Blind Curtain – Flesh Behind Tricolore“ dann jenen schlichten Wäscheständern, die Haegue Yang in einer Fotoserie zur Gymnastik anhielt, nicht ohne dabei die Nähe zum Slapstick auszureizen. Nicht selten arbeitet Haegue Yang mit industriell hergestellten Objekten, denen sie unerwartet poetische Ansichten entlockt. Wie eben dem Wäscheständer, den sie in der Arbeit „Non-Indépliable, azuré“ aus dem Jahr 2010 in eine blaue Huse zwingt, die aus dem Haushaltshelfer ein aufgeladen wirkendes Zeichen im Raum macht. In das Jahr 1994 reichen hingegen die „Hardware Store Collages“ zurück, auf denen sie ausgeschnittene Abbildungen aus Baumarktkatalogen zu wunderlichen Ornamenten arrangiert. Je unpersönlicher Haegue Yangs Materialien sind, desto ungewöhnlicher sind die Formlösungen, die sie entwickelt.

Ihre Ausstellung in der Aubette zeigt neben dem Modul eine weitere modernistische Wurzel ihres Werkes. Es ist der ganzheitliche Anspruch der Moderne, wie er sich auch in dem Straßburger Veranstaltungsort widerspiegelt, der wesentlich von Sophie Taeuber, Hans Arp und Theo van Doesburg mitgestaltet wurde. Es war wohl eine sehr bewusste Entscheidung hier, wo Mitte der 1920 Jahre Filme gezeigt wurden, getanzt, gegessen und getrunken wurde, die eher performativen Werke auszustellen. Das sind zum einen „Sonicwear“, Kleidungsstücke, die mit kleinen Glöckchen versehen sind und zum anderen die mobilen Skulpturen „Dress Vehicle – Yin Yang“, die wie eine Weiterführung ihrer Jalousien-Arbeiten wirken. Ihr Aufbau ist raumgreifender, skulpturaler und hier integriert Haegue Yang in die Jalousiemodule auch weiblich konnotierte Tätigkeiten wie Stricken, Knüpfen und Sticken. Ganze Felder sind aus Strickware oder aus Makramee, wodurch Yang sich auch auf die handwerkliche Seite im Werk einer Sophie Taeuber bezieht. Würde man sie bewegen, man sähe die Moderne auf eine sehr zeitgenössische Weise tanzen.

Haegue Yang, Family of Equivocations.

Musée d’art moderne et contemporain de Strasbourg

1, place Hans Jean Arp, Strasbourg.

Öffnungszeiten: Mo, Di-So 10-18 Uhr.

Aubette, Place Kleber, Strasbourg.

Öffnungszeiten: Mi-Sa 14-18 Uhr.

Bis 15. September 2013.

 




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