02/09/13

Lena Maria Thüring

Die Videokünstlerin und Trägerin des Manor Kunstpreis Basel Lena Maria Thüring reflektiert anhand individueller Geschichten über gesellschaftliche Strukturen

von Yvonne Ziegler
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Lena Maria Thüring, GPX (Videostill), 2011, © Lena Maria Thüring

Die Videokünstlerin und Trägerin des Manor Kunstpreis Basel Lena Maria Thüring reflektiert anhand individueller Geschichten über gesellschaftliche Strukturen

Jeder Mensch hat Vater und Mutter, vielleicht auch Geschwister, sicherlich Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen. Lena Maria Thüring (*1981), deren neuste Videoarbeit anlässlich des ihr zugesprochenen Manor Kunstpreises Basel 2013 im Basler Museum für Gegenwartskunst gezeigt wird, schafft filmische Werke, welche soziale Systeme und gesellschaftliche Strukturen reflektieren. Ihre Videoscreens agieren gleichsam als Reflexionsflächen. Ausgangsmaterial dafür sind mehrstündige Interviews, die Thüring sprachlich verdichtet. Dabei schneidet die in Zürich lebende Künstlerin emotionale Äußerungen heraus, so dass ein stark reduzierter „Tatsachenbericht“ entsteht. In „Der große Bruder, der Bruder, die Schwester, die kleine Schwester“ etwa erzählen vier Geschwister, deren Eltern alkoholkrank waren, von ihren jeweiligen Rollen im Familiengefüge und unterschiedlichen Sichtweisen aud dasselbe Geschehen. Erinnerungen sind bekanntlich divergent, lückenhaft und veränderlich, weshalb Thüring Erinnern als „kreativen Prozess“ versteht. In „Strings“ (2011) erzählen die Hände eines palästinensischen Künstlers eindringlich von der Herkunft seiner Narben, die Arbeit „ZUP“ (2011) widmet sich der Gruppenidentität, Körpersprache und den Kleider- und Sprachcodes von Hip-Hoppern. Immer wieder spielt Musik als Möglichkeit der Identifikation, des Selbstausdrucks, der Erinnerung und des emotionalen Rückzugs eine Rolle in Thürings Arbeiten.

Auch auf der filmischen Ebene geht Thüring verdichtend vor, reduziert auf wenige Kameraeinstellungen. „Die Kamera ist ein Mensch, der geht“, sagt Lena Maria Thüring über die Perspektive in ihrer Arbeit „Im Garten“ aus dem Jahr 2010. Die Filme erzählen vom häuslichen Familienleben, von Nachbarschaftszwist oder Kindheitserlebnissen. Was man sieht, sind die leeren Zimmer eines Hauses, ein verwunschener Garten oder Aquarien mit Fischen aus den ehemaligen französischen Kolonien. Es sind die Reflexionsfiguren und Stellvertreter, an welche die von den Stimmen hervorgerufenen Gefühle weitergegeben werden. Thüring siedelt ihre Werke zwischen Dokumentation und Fiktion an. Durch sprachliche Verdichtung transformiert sie biografisches Material, fügt unterschiedliche Perspektiven ineinander und lässt Erinnerungslücken und Leerstellen stehen. Bewusst werden die Texte der vier Geschwis­ter von Schauspielern eingelesen. Das Mikrophon ist groß im Bild, als seien sie Synchronsprecher. Dennoch entstehen im Kopf des Betrachters unwillkürlich Bilder der multiperspektivisch erzählten Situation, Emotionen und Erinnerungen an eigene ähnliche Erlebnisse tauchen auf. So berühren Thürings Werke aufgrund der thematischen Allgemeingültigkeit trotz oder gerade wegen der medialen Distanzierungen durch das Mikrophon, den emotionslosen Text und Vortrag. Thüring, die 2007 ihren Abschluss in Fotografie an der Züricher Hochschule der Künste machte, sucht nicht nach Geschichten, sie findet sie. Ihre geschärfte Sicht für gesellschaftliche Themen, Normalität und Abweichung, exemplarische Personen und Gruppen sowie ihr offener und vertrauensvoller Umgang mit Menschen ermöglicht ein starkes und feinsinniges filmisches Werk. In ihrer neusten Arbeit geht es um sexuelle Berührungen im Kindesalter, die Bewusstwerdung und komplizierte psychische Verarbeitung von sexuellem Missbrauch.          

 

Lena Maria Thüring: Manor Kunstpreis Basel 2013.

Museum für Gegenwartskunst

St. Alban-Graben 64, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

28. September 2013 bis 5. Januar 2014.


It is all in the detail: Studierende & Alumni des Masters of Fine Art der ZHdK.

Kunsthaus Baselland

St. Jakobstr. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 29. September 2013.




Kunsthaus Baselland
Kunstmuseum Basel