29/08/13

Die Migration der Moderne

Die Ausstellung "Hotspot Istanbul" im Zürcher Haus Konstruktiv zeigt die jüngere türkische Kunstgeschichte

von Dietrich Roeschmann
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Ausstellungsansicht mit dem Werk von Renée Levi, BULEVISTAN, 2013

Die Ausstellung "Hot Spot Istanbul" im Zürcher Haus Konstruktiv zeigt die jüngere türkische Kunstgeschichte

Allen schönen Reden von der Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Leben zum Trotz passiert es nicht oft, dass tagesaktuelle Ereignisse quasi in Echtzeit ihre Spuren im Museum hinterlassen. Einen dieser seltenen Momente dokumentiert derzeit ein Graffito im Zürcher Haus Konstruktiv: „Diren Gezi! Gezi resist!“ prangt dort in blauen Lettern an der Wand. Der Aufbau der aktuellen Schau zur Geschichte der abstrakten Kunst in der Türkei war gerade abgeschlossen, als in Istanbul die ersten Menschen für den Erhalt der Bäume im Gezi-Park auf die Straße gingen. Binnen weniger Tage eskalierte die Situation, die Polizei ging brutal mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor, bis die Proteste schließlich in landesweiten Massenkundgebungen gegen die autoritäre Politik von Ministerpräsident Erdogan mündeten. Als die Zürcher Schau „Hot Spot Istanbul“ im Juni eröffnete, waren seit Beginn der Aufstände in der Türkei drei Menschen ums Leben gekommen, mehr als 2500 verhaftet und über 5000 verletzt worden.

Heute, knapp drei Monate später, wirkt das Graffito, das der türkische Künstler Can Atlay (*1975) als spontane Solidaritätsadresse im Haus Konstruktiv hinterließ, seltsam deplatziert. Nicht weil die Solidarität mit der Gezi-Bewegung ihre Berechtigung verloren hätte – im Gegenteil –, sondern weil in der Ausstellung ansonsten jeder weitere Hinweis auf eine künstlerische Auseinandersetzung mit der politischen Realität in der Türkei fehlt. Das allerdings kann man Dorothea Strauss, der Kuratorin und früheren Direktorin des Hauses, nicht unbedingt zum Vorwurf machen. Zum einen hat sie die Schau lange vor Ausbruch des aktuellen Konflikts konzipiert, zum anderen ist ihr Fokus ein anderer: Es geht hier um die Migration der Form aus der Tradition und Moderne in ein erweitertes Feld der Abstraktion; und es geht um Istanbul, jene Stadt, die nicht zuletzt dank ihrer Biennale seit Jahren einen massiven Kunstboom erlebt. Einen vielschichtigen Einblick in die vitale jüngere Kunstgeschichte dieser Metropole gibt gleich zu Beginn ein begehbarer Bühnenbau, der als Display für zwei Dutzend Werke der abstrakten Malerei aus Istanbul seit 1945 dient. Im Dialog mit ausgewählten Arbeiten der Zürcher Konkreten gehängt ergeben sich hier überraschende Parallelen, denen die Ausstellung in zwei Themenblöcken zu den ornamentalen und abstrakten Konzepten der türkischen Moderne bis in die Gegenwart nachspürt. Pop-Art-infizierte Collagen von Burhan Dogançay (*1929) treffen hier auf Target-Paintings von Ekrem Yalçindag (*1964), die konzeptuelle Malerei Renée Levis auf giftig-grelle Chemie-Abstraktionen des jungen Neja Sati (*1982). Und am Ende bleibt auch Altays Graffito nicht ohne Wirkung: Sabine Schaschl, die neue Direktorin des Hauses, hat seine Botschaft gehört und lädt vor der Kulisse von „Hot Spot Istanbul“ jetzt zum öffentlichen Podiumsgespräch über die aktuelle Situation der türkischen Kunstszene. Gut so.      

 

Hot Spot Istanbul

Museum Haus Konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 22. September 2013.

Podiumsgespräch: 2. September 2013, 18.30 Uhr.




Haus Konstruktiv