30/11/12

Land in Sicht

Im Münchner Haus der Kunst ist die bislang größte Schau zur Land Art der 60er und frühen 70er Jahre zu sehen.

von Dietrich Roeschmann
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Im Münchner Haus der Kunst ist die bislang größte Schau zur Land Art der 60er und frühen 70er Jahre zu sehen.monolake.jpg

Als der Österreicher Herbert Bayer vor knapp 60 Jahren im amerikanischen Aspen einen kreisrunden Erdwall aufschüttete, Gras darauf säte und das Ergebnis Skulptur nannte, war kaum abzusehen, dass ihm Jahre später ganze Bildhauerkolonnen mit schwerem Gerät ins freie Gelände folgen würden. Seine „Grass Mould“ gilt heute als eines der ersten Werke der Land Art, jener hybriden Gattung zwischen Konzeptkunst, Feldforschung, Performance und Landschaftsarchitektur, die bald zum Synonym für eine besonders monumentale Spielart der Außenskulptur wurde: Christo verpackte ganze Inseln, Michael Heizer sprengte für sein „Double Negative“ in der Wüste von Nevada 240.000 Tonnen Gestein aus dem Felsen, und auch Robert Smithson machte Kunst gerne mit dem Bulldozer. Seine legendäre „Spiral Jetty“, ein 450 Meter langer Geröllwall, der sich kreisförmig in den Großen Salzsee windet, ist trotz fortschreitender Verwitterung noch heute zu sehen – auch via Google Earth. Nicht weniger populär sind die ephemeren Zweigmandalas und aus Steinen gelegten Fibonacchi-Reihen des Briten Andy Goldsworthy, die in ihrer Demut vor den Formkräften der Natur einen entgegengesetzten Pol der Land Art markieren: Sentimental, melancholisch, ökologisch korrekt. So oder so: die Begegnung mit der Landschaft, könnte man meinen, entfesselte bei den Bildhauern der Land Art schon immer einen Hang zum erhabenen Mackertum, das mal hart, mal zart versuchte, die institutionellen Grenzen des Kunstsystems hinter sich zu lassen.

Dieser Lesart widerspricht in München nun die Ausstellung „Ends of the Earth“, die nach erfolgreicher Premiere im MOCA Los Angeles derzeit das Haus der Kunst in ein schier unübersehbares historisches Archiv künstlerischer Experimente mit dem Medium Landschaft verwandelt. Es ist die erste große Museumsschau, die sich diesem Thema widmet. Zu sehen sind rund 200 Arbeiten von über 100 Künstlerinnen und Künstlern, darunter raumgreifende Werke wie die rissigen Lehmplatten aus dem Death Valley, die Alice Aycock hier zum Trocknen ausgelegt hat, Newton Harrisons saftige Indoor-Weide, auf der von Zeit zu Zeit ein Hausschwein grast oder ein dschungelartig wucherndes Grünkohlbeet von Lothar Baumgarten, der dort Schmetterlinge zieht. Als aktuelle Versionen längst verwelkter oder zu Staub zerfallener Originale flankieren diese frischen Landschaftsimporte zahlreiche Foto- und Videodokumentationen von historischen Arbeiten, die – nicht nur zahlenmäßig – den eigentlichen Schwerpunkt der Schau bilden. Aus gutem Grund: Für viele Land Art-Künstler war die mediale Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit oder Abgeschiedenheit ihrer Arbeiten ein zentraler Bestandteil ihrer skulpturalen Praxis. Nicht zuletzt ermöglichte sie ihnen überhaupt erst den Spagat zwischen Außen- und Innenraum, zwischen „site“ und „non-site“ (Robert Smithson), der die Rückbindung ihrer Arbeiten an den musealen Raum garantierte und es ihnen dennoch erlaubte, Landschaft auch außerhalb des Kunstkontextes als politisch und gesellschaftlich definiertes Terrain zu thematisieren. Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus konsequent, dass eine der ersten Ausstellungen zur Land Art nicht in einer Galerie, sondern im Fernsehen stattfand. Im Haus der Kunst flackert die TV-Sendung, die der Filmmacher Garry Schum 1969 für den SFB produzierte, nun zwischen Arbeiten von Jan Dibbets, Dennis Oppenheim oder Richard Long, deren Werke ihrerseits nicht nur in Schums Film porträtiert werden, sondern Ende der Sechziger auch in zwei maßgeblichen Ausstellungen zu sehen waren, die die Erfolgsgeschichte der Land Art im Kunstraum begründeten: „Earthworks“ (1968) in der New Yorker Galerie Virginia Dwan und „Earth Art“ (1969) an der Cornell Universität. Dass in München nun beiden Schauen in Teilen rekonstruiert wurden, erlaubt einen spannenden Einblick in die Kanonisierung einer Kunstgattung, die – auch das macht „Ends of the Earth“ deutlich – nicht mit den spektakulären Erdbewegungen der Stars der amerikanischen Szene begann, sondern deren Ursprünge bis weit in die 1950er Jahre zurückreichen und die wesentlich geprägt waren von europäischen Künstlern wie Richard Long, Jean Tinguely und der Gruppe ZERO oder japanischen Pionieren wie Isamu Noguchi und den Künstlern der Gruppen „i“ und „Gutai“.

Ends of the Earth – Land Art to 1974.
Haus der Kunst

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 20. Januar 2013.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Prestel Verlag, München 2012, 262 S., 49,95 Euro | ca. 74 Franken.
Haus der Kunst München