13/08/13

Trautes Heim - Glück allein?

Das Kunstmuseum St. Gallen spürt in der Ausstellung "Home! Sweet Home!" dem (un)heimleigen Zuhause in der Kunst des Barocks und der Gegenwart nach.

von Florian Weiland
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Yan Duyvendak, Side Effects, 2005

Das Kunstmuseum St. Gallen spürt dem (un)heimeligen Zuhause in der Kunst des Barock und der Gegenwart nach.

Auf einmal fühlt man sich ganz klein und verloren. Wie Gulliver auf seiner Reise ins Land der Riesen. Die Installation „Das Zimmer“ – ein Werk von Pipilotti Rist – besteht aus einer überdimensionierten Sitzgruppe. Der Ausstellungsbesucher darf das rote Sofa erklimmen und es sich gemütlich machen. Was kommt als nächstes? Der Griff zur Fernbedienung, die in diesem Fall die Größe eines Schuhkartons hat. Das Fernsehprogramm besteht aus einer Auswahl von Videoarbeiten der Schweizer Künstlerin.

Der Fernsehapparat holt die große weite Welt ins Haus. Für Yan Duyvendak kein Grund, passiv im Fernsehsessel sitzen zu bleiben. Eine vierteilige Videoinstallation zeigt den niederländischen Künstler als aktiven Zuschauer. Das eigene Wohnzimmer wird zum Nachrichtenstudio, zur improvisierten Konzertbühne und zum Sportstadion. Eine mitreißende Performance, die unser Konsumverhalten kritisch hinterfragt. Doch wie verbrachte man eigentlich die Abende, als es noch kein Fernsehen gab?

Das Kunstmuseum St. Gallen unternimmt einen Zeitsprung und setzt Werke der Gegenwartskunst in Beziehung zu Bildern und Grafiken niederländischer Barockmaler. Die ungewöhnliche Kombination funktioniert erstaunlich gut. „Home! Sweet Home!“ erweist sich als eine ausgesprochen abwechslungsreiche Sammlungsausstellung. Im Vordergrund stehen die unterschiedlichen Vorstellungen, die wir uns vom „trauten Heim“ machen. Die eigenen vier Wände bieten Schutz und Geborgenheit, sind aber manchmal auch ein Ort, der beklemmend und vielleicht sogar etwas unheimlich wirkt.

Auch in der guten Stube des 17. Jahrhunderts können sich Abgründe auftun. Man hat sich zur abendlichen Hausmusik versammelt. Ein Bild der Harmonie, ein spätes Meisterwerk von Pieter de Hooch. Doch die Harmonie täuscht. Details im Hintergrund geben der Szene eine ganz andere Bedeutung. Die Musik als tugendhaftes, wenngleich durchaus (be)sinnliches Vergnügen verweist auf weitere Genüsse. Ein leuchtend roter Vorhang hinter der Zitherspielerin gibt den Blick auf das Bett frei. Schauplatz amouröser Abenteuer, die im Anschluss an das Konzert auf den männlichen Besucher warten werden?

Im Zeitalter des Barock ist das Rollenbild genau festgelegt. Der Mann dominiert, die Frau bleibt im Hintergrund und kümmert sich um Kinder und Küche. Über die derben Sitten der Bauern darf gelacht werden. Das Bürgertum erfreute sich an solchen Szenen. Eine ganze Reihe solcher, mitunter karikierend überzeichneter Bilder ist in der Ausstellung zu sehen. Die niederländischen Maler schwärmen von „Wein, Weib und Gesang“, vergessen aber selten die Mahnung, das rechte Maß zu wahren. Und heute? Die Sinnesfreudigkeit scheint für die Künstler kein Thema mehr zu sein. Ian Anüll präsentiert eine triste Notschlafstelle – doch auch hier sollte man genau hinsehen. Die sechs vermeintlichen Matratzen, die auf dem Boden liegen, sind Kartonagen und Leinwände. Ein hintersinniges Spiel mit dem Arbeitsmaterial eines Künstlers und zugleich eine Aufforderung, an jene Menschen zu denken, die obdachlos sind.

Mutige wagen sich im Anschluss noch in Christoph Büchels monumentale Installation „The House of friction“ im Wasserturm der Lokremise St. Gallen. Kletternd, duckend und rutschend erforscht man, ganz auf sich gestellt, alle möglichen und unmöglichen Wohn- und Lebensräume und dringt in die Privatsphäre eines Messies ein. Vom trauten Heim ist hier wenig geblieben, aber dafür  wartet mehr als eine Überraschung. Ein unvergessliches, intensives Erlebnis und garantiert nichts für Klaustrophobiker. Das Kunstmuseum warnt: Betreten nur auf eigene Gefahr.

 

Home! Sweet Home!

Kunstmuseum St. Gallen

Museumstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr.

Bis 27. Oktober 2013.

Christoph Büchel, The House of friction

Wasserturm bei der Lokremise St. Gallen

Öffnungszeiten: Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 10. November 2013.


 




Kunstmuseum St. Gallen