30/11/12

Eine andere Form von Avantgarde

Die Kunsthalle Baden-Baden fragt in einer Ausstellung nach der Relevanz von Bildern für die Gesellschaft.

von Annette Hoffmann
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Die Kunsthalle Baden-Baden fragt in einer Ausstellung nach der Relevanz von Bildern für die Gesellschaft.Francis_Alÿs

Der Titel klingt nach einem Seminar für politische Bildung, der Beginn des Ausstellungsparcours macht dann erst einmal Tabula rasa. Alfredo Jaars Installation „Lament of the Images“ steht am Anfang der Schau „Bilderbedarf. Braucht Gesellschaft Kunst?“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Es ist ziemlich düster in dem Gang mit den drei Textpassagen, die davon berichten, wie Nelson Mandela durch die Zwangsarbeit in einem Kalksteinbruch lichtempfindlich wurde, wie Bill Gates derzeit ein Bildarchiv aufbaut und wie das US-Militär vor seinem Angriff auf Kabul 2011 die Rechte an Satellitenbildern von Afghanistan aufkaufte. Kaum hat man sich an die Dunkelheit gewöhnt und ist um die Ecke gebogen, wird man von einer querformatigen gleißenden Lichtquelle empfangen. Was wäre, wenn einem die Bilder abhanden kämen, wenn Militär oder Wirtschaft die Oberhand über sie, ihre Deutungen und Wahrheiten gewännen?

Diese Leerstelle, auf die Jaars Arbeit zuläuft, findet sich noch des Öfteren in der von Johan Holten kuratierten Ausstellung. „Bilderbedarf. Braucht Gesellschaft Kunst?“ wird durch eine Publikation in Form einer Saalzeitung begleitet. Sie vereint alte Presseberichte zum jeweiligen Thema, die Fotos sind ausgespart. Das Zeitungsformat erinnert daran, dass es demokratische Auseinandersetzungen, das Abwägen verschiedener Positionen in einer Gesellschaft braucht. In der Kunsthalle Baden-Baden ist man sichtlich gewillt, diese – auch in Absetzung von einem Privatmuseum in unmittelbarer Nachbarschaft – zu führen. Die Beispiele stehen für Prozesse, mit denen man sich befassen kann, dabei geht es mehr um den Vorgang des Sich-ein-Bild-Machens als um eindeutige Aussagen. Ein Raum ist Käthe Kollwitz‘ „Pietà“ gewidmet, die nach der Wiedervereinigung für eine nationale Gedenkkultur vereinnahmt wurde, ein anderer Hans Haackes Aktion „Der Bevölkerung“, die vor zwölf Jahren die Fragen aufwarf, was Volk, was Deutsch-Sein bedeutet.

In einem weiteren Raum läuft die Dokumentation von Jeremy Dellers Reenactment der „Schlacht von Orgreave“, die 2001 in Channel 4 zu sehen war. Deller, so etwas wie ein Wünschelrutengänger auf dem Gebiet nationaler britischer Befindlichkeiten, initiierte das Nachstellen eines Streiks von Minenarbeitern in Süd-Yorkshire, der 1984 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führte. Unmittelbar nach dem Ende des Falklandkrieges suchte die Thatcher-Regierung das entscheidende und letzte Kräftemessen mit der Gewerkschaft. Deren Niederlage war zugleich ein Fanal für die kommenden Privatisierungen und den Neoliberalismus. 5.000 Polizisten standen damals 3.000 Minenarbeitern gegenüber, es kam zu Toten, viele wurden verletzt und viele Minenarbeiter verloren danach ihre bürgerliche Existenz, nicht wenige ihren Stolz. Auch die Wahrheit wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die BBC schnitt damals das Filmmaterial der Ereignisse so, dass die Arbeiter als Aggressoren erscheinen mussten. Deller engagierte für die Schlacht viele frühere Beteiligte, aber auch professionelle Reenactment-Darsteller. Die sozialgeschichtliche oder überhaupt soziale Stoßrichtung von Dellers Arbeit „The Battle of Orgreave. (An Injury to One is an Injury to all)“ ist unübersehbar. Über das Performative oder die Inszenierung von Massen hinaus, wirkt Dellers Reenactment wie eine gemeinschaftliche Katharsis. Eine Gesellschaft, die über die Verwerfungen der Thatcher-Ära weitgehend geschwiegen hat, erscheint hier geradezu als bedürftig.

„Bilderbedarf. Braucht Gesellschaft Kunst?“ beleuchtet Funktionen von Kunst. Instrumentalisierungen durch die Politik wie bei Käthe Kollwitz‘ Skulptur bleiben nicht aus. Die Ausstellung zeigt aber auch, dass der Galerist René Block zusammen mit einigen Künstlerinnen und Künstler an den Jahrestag des Massakers von Lidice erinnerte und so eine Vorreiterrolle für die Gesellschaft übernahm. Bereits 1967 sollte eine Ausstellung den mittelböhmischen Ort würdigen, der 1942 von deutschen Soldaten ausgelöscht wurde. Gut 20 Künstlerinnen und Künstler hatten sich an dem Aufruf beteiligt, doch die Umsetzung scheiterte mit der Zerschlagung des Prager Frühlings. Später unternahm Block einen weiteren Anlauf, sein Vorhaben zu realisieren. In Baden-Baden sind nun einige der Arbeiten vereint. Gerhard Richter hatte das Bild „Onkel Rudi“ beigesteuert, das nach einer Fotografie eines Soldaten aus dem Familienalbum entstand, Karin Sander eine Lidice gewidmete Arbeit, bei der Heftklammern auf einem Blatt einen bestimmten Rhythmus vorgeben. Und Rolf Julius die Installation „Schwarze Schale“: unter einem Glasstock lassen die von einem Lautsprecher ausgelösten Schallwellen schwarzes Pigment aufstäuben.

Man kann der Ausstellung durchaus unverbesserlichen Optimismus vorwerfen. Exemplarisch wird der Glaube an die emanzipatorischen Kräfte von Kunst in den Bestrebungen, mit dem die documenta II dem von der Moderne während des „Dritten Reiches“ abgeschnittenen deutschen Publikum zeitgenössische Kunst nahebringen wollte. Doch die Baden-Badener Schau dokumentiert nicht nur diese erzieherischen Bemühungen, sie konfrontiert sie auch mit den Fotos, die Hans Haacke aufnahm, als er 1959 Aufsicht bei der documenta II führte. Sie geben einen Einblick in die damalige Rezeption und die Präsentation der Kunstwerke. Ganze Familien studieren vor einem Mondrian den Ausstellungsführer, eine Mutter macht auf einer Bank mit ihrem Kind Pause, im Hintergrund ist ein Großformat von Jackson Pollock zu erkennen. Das alles wirkt unprätentiös, aber auch distanziert. Und so scheut sich die Ausstellung nicht das utopische Moment von Kunst zu benennen. So sieht man in Francis Alÿs’ dreiteiliger Videoinstallation „Faith moves montains“ eine Reihe von Leuten, die eine Sanddüne mit einer kleinen Schaufel Schippe um Schippe versetzen. Das mahnt zur Geduld, setzt Zeichen.
„Bilderbedarf. Braucht Gesellschaft Kunst?“ ist keine Ausstellung, mit der man schnell zu einem Ende kommt. Und dieses Nachwirken ist ja nicht die schlechteste Antwort auf die Frage.

Bilderbedarf. Braucht Gesellschaft Kunst?
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.

Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. Februar 2013.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2012, 206 S., 24 Euro | ca. 34.90 Franken.
Kunsthalle Baden-Baden