05/07/13

Bücher von René Burri, Matthias Gnehm und Stephanie Senge

Mit dem Blick der Entschleunigung. Einblicke in die Farbwelt René Burris, eine virutelle Porträtgalerie und unsere Konsumgewohnheiten.

von Dietrich Roeschmann

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René Burri, Impossible Reminiscences, Phaidon Verlag, Berlin 2013, 240 S., 64,95 Euro, 122 Franken

Manche Bilder brennen sich wie Tattoos in unsere Netzhaut ein. Rene Burri hat sie gleich dutzendfach fotografiert: Picasso im Ringelshirt, Che Guevara mit Zigarre, Oscar Niemeyers Utopia in Brasilien. Seine Kunst, die Menschen hinter der Fassade ihrer Berühmtheit hervorzulocken, machte die Fotografien der Zürchers zu Ikonen des 20. Jahrhunderts. Wie gut der Meister der Schwarz-Weiß-Askese sein Spiel von Nähe und Distanz auch in Color beherrschte, zeigen nun seine berauschenden Farbaufnahmen, die der 80-Jährige erstmals in einem Band versammelt hat. Der Schleier des Historienbildes ist hier wie weggerissen, stattdessen finden wir uns in einer Welt wieder, die vor Frische und Authentizität geradezu aus den Nähten platzt. Diese unbändige Lust an der Farbe macht es schwer zu glauben, dass Burri sich nur widerwillig von seinen Verlegern zu diesem Medienwechsel drängen lassen musste.


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Stephanie Senge, Der starke Konsument. Ikebana als Wertschätzungsstrategie, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2013, 154 S., 28 Euro, 40  Franken

Hektik ist die Wiege aller Fehlkäufe. Deshalb rät Stephanie Senge beim Shoppen gerne zur Entschleunigung – und liefert gleich das passende Konzept dazu: „Ikebana als Wertschätzungsstrategie“ heisst die kleine Einkaufskunde, mit der die Künstlerin für mehr Kontemplation in den Konsumtempeln wirbt. Recht hat sie: Die wunderbar absurden Dada-Gestecke aus Putzbürsten, Lippenstiften, Spaten oder Milchschäumern, die sie hier präsentiert, sind wahre Liebeserklärungen an die versteckte Schönheit der Warenwelt. 


Matthias Gnehm, Der Maler der ewigen Porträtgalerie, Edition Moderne, Zürich 2013, 256 S., 28 Euro, 36 Franken

Seine Fans bejubelten Matthias Gnehms jüngstes Werk bereits als „Facebook von morgen“. Dabei arbeitet der 42-Jährige in lupenreiner Old-School-Technik: Er zeichnet mit Graphit auf Karton – und zwar jeden, der sich einen Platz in seiner „Eternal Potrait Gallery“ sichern möchte. Die gibt es wiederum nur online zu besichtigen. Mittlerweile sind Dutzende dabei, und die Community wächst stetig. Inspiriert von diesem Spiel mit Originalität und Virtualität zeichnete der Zürcher Künstler nun eine packende Graphic Novel über einen jungen Maler, der beim Stöbern in alten Familienfotos auf eine heimliche zweite Version der Wirklichkeit stößt. 

 




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