05/07/13

In jedem Ding wohnt ein Groove

Die Ausstellung Rhythm in it spürt der Funktion und Bedeutung des Rhythmus in der Gegenwartskunst nach.

von Dietrich Roeschmann
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Dara Friedman, Dancers, 2001, Courtesy the artist & Gavin Brown’s enterprise, New York

Die Ausstellung Rhythm in it spürt der Funktion und Bedeutung des Rhythmus in der Gegenwartskunst nach.

Natürlich nehmen wir es nicht wahr, denn es würde uns wahnsinnig machen. Doch genau besehen ist die Welt vollgeräumt mit Dingen, die unser Leben takten: Gemüsebeete, Treppenstufen, Klingeltöne, Ampelschaltungen. Überall stoßen wir auf Loops und Wiederholungen, Rhythmen sind allgegenwärtig – nicht nur als akustische Muster. Dass Rhythmus als kompositorisches Gerüst oder dramaturgisches Mittel auch in der Kunst eine wesentliche Rolle spielt, nehmen wir längst als selbstverständlich war. Umso erstaunlicher ist, dass sich bislang keine Ausstellung dem Thema annahm.

Diese Lücke will in Aarau nun die Gruppenschau „Rhythm in it“ schließen, doch schon im ersten Raum zeigt sich, wie weit und unüberschaubar das Gelände ist, auf das sie sich vorwagt. Anri Sala hat hier zwei Snare Drums aufgestellt, auf denen automatisch bewegte Sticks kaum hörbare Wirbel trommeln. An der Wand dahinter flimmert Jonathan Monks Arbeit „Silent“. Die Glühbirnen, aus denen das Wort gebildet ist, werden nach und nach durchbrennen und so in ihrem eigenen, der Materialermüdung geschuldeten Rhythmus genau das vollziehen, was der Name der Arbeit ankündigt. Eine Vitrine von Bethan Huws schließlich ergänzt das stille Setting: Auf einer Schrifttafel hinter Glas lässt die Britin den Titel von Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ in Einzelbuchstaben durch den Bildraum rieseln und übersetzt so die Bewegung des rhythmisch fragmentierten Körpers in Sprache. Es ist ein überraschend zurückhaltender Prolog, der diese Schau eröffnet, doch gerade die reduzierte Lautstärke, in der hier bereits die unterschiedlichsten Ausdehnungen von Rhythmus in Zeit und Raum, Klang und Licht, Text und Bild durchdekliniert werden, erweist sich als kluges Kalkül. Die Vielfalt des Themas will durch Dramaturgie gebändigt werden. Wie durch eine Aufmerksamkeitsschleuse tritt man so aus dem Außen- in den Kunstraum, in dem sich rund 60 Arbeiten von drei Dutzend Künstlerinnen und Künstlern zu einem lockeren Parcours verteilen. Malerei wie die kühlen Farbgitter von Stéphane Dafflon, mit Pastellkreide gezeichnete Teppiche von Sebastian Hammwöhner oder Markus Raetz’ vielteilige Aquarellserie kopulierender Paare treffen hier auf eine mit Revolver auf Notenpapier geschossene Partitur des jungen Tschechen Adam Vackár und ein pneumatisch betriebenes Blasorchester von Katja Strunz. In einem schallgeschützten Kabinett nebenan lässt Martin Creed 39 Metronome in 39 unterschiedlichen Tempi ticken und sorgt damit für eine geradezu schwindelerregende Erfahrung von Raum- und Zeitverlust, während von weitem schon das Klingeln der Telefone zu hören ist, die Christian Marclay aus Hunderten von Filmen zu einer packenden Videocollage über das klassische Suspense-Requisit des Hollywood-Kinos zusammengeschnitten hat. Eine der schönsten Perspektiven auf die thematische Vielschichtigkeit dieser sehenswerten Schau bietet sich jedoch beim Betreten eines Raumes, in dem Gabriel Orozco zwei mit Toilettenpapierbahnen bestückte Ventilatoren unter der Decke montiert hat. Vor einem Paar flimmernder Target Paintings von Ugo Rondinone drehen sie sich still zum Sound einer Videoarbeit von Dara Friedman, die Breakdancer und Ballerinas wie selbstvergessen durch die Straßen von Miami tanzen lässt. Atmosphärischer lässt sich die Verführungskraft des Rhythmus kaum inszenieren.       

Rhythm in it: Vom Rhythmus in der Gegenwartskunst.

Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 11. August 2013.

 




Aargauer Kunsthaus