03/07/13

Der Kurator als Ethnologe

Ein Rundgang über die Biennale von Venedig.

von Anne Schreiber
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Rudolf Steiner, Various Blackboard Drawings and Composite Figure, Foto: Biennale von Venedig

Ein Rundgang über die Biennale von Venedig.

„Wer das Schicksal unserer Zeit nicht ertragen kann“, so 1918 der Soziologe Max Weber, der „kehre in die Arme der alten Kirchen zurück.“ Mit dieser trockenen Bemerkung sollte die Kritik an der Ausbreitung des rationalen Denkens abgewehrt werden, die den mechanistischen Erklärungsmodellen intuitive, ganzheitliche Ansätze gegenüber stellte. Derzeit hat man den Eindruck, die Kunstwelt erlebe eine vergleichbare Entwicklung. Das beste Beispiel ist die diesjährige Venedig Biennale. „The Encyclopedic Palace“ kündigt die diesjährige Schau an. Den Titel entnommen hat der Kurator Massimiliano Gioni einem überambitionierten Projekt Marino Auritis zur Errichtung eines gigantischen Museumsgebäudes, das alle Erfindungen der Menschheit bergen sollte. Der Plan, immerhin als Patent angemeldet, scheiterte. Als Leitmotiv einer Weltleistungsschau erhält er heuer eine postmortale Würdigung, allerding als Metapher einer Utopie, die an den Klippen des Machbaren zerschellt.


Was will uns dies sagen? Der Ausstellung dies Motiv voran zu stellen, erweist sich vor Ort als kluger Schachzug. Denn nichts Geringeres als eine Art universale Kreativität erneut zu erwecken, hat Gioni sich vorgenommen. So treten denn auch allerlei Malereien, Zeichnungen, Skulpturen älteren Jahrgangs in Erscheinung, die von jenen geschaffen wurden, die die westliche Kunstgeschichte ausgrenzt: den Outsidern, Hellsehern, Amateuren, Meditierenden, die in solipsistischer Abkehr von der Welt Werke qua innerer Eingebung schafften, und Antwort geben sollen auf die Frage, was ursächlich des Künstlers Welt sei. So entdeckt man Beachtliches, das Rote Buch C. G. Jungs etwa, oder die Kreidetafeln Rudolf Steiners, dazwischen eine Performance mit Ur-Lauten Tino Sehgals, wofür dieser den Goldenen Löwen erhielt. Danebst allerlei Objekte, die man eher in naturhistorischen Sammlungen vermutet. In kuratorischer Konsequenz wird die temporäre Ausstellung als museales Kuriositätenkabinett inszeniert. Allerorten stößt man auf Serien, Systematiken und Grammatiken – verstanden als Gleichnisse der miteinander zusammenhängenden Wunder der Welt. Die schöpferische Kraft, so folgert man, sei nicht nur innerhalb der Rahmungen westlicher Kunst zu vermuten, sondern auch in den spiralförmigen, geäderten Mustern der Muscheln und Steine. Der Kurator wird zum Ethnologen, der die Welt neu erkundet, zum Surrealisten und Romantiker, der mit toten Objekten spricht. Klar ist: in Zeiten eines globaler werden Kunstbetriebs sind die westlich tradierten Begriffe, etwa „Gegenwartskunst“ erneut zu prüfen, anders gelagerte Vorstellungen von Kreativität erobern sich den Platz an der Sonne. Dass der Kurator als Antwort auf diese Entwicklungen als Ethnologe auftritt, wirft den Blick zurück auf jene Zeit um 1900, als die Kunstgeschichte schon einmal an paradiesischen Orten Darstellungen authentischer Kreativität vermutete. Dass dieser Rückschau ein Scheitern, eine szeemannsche Obsession, ein Wunschtraum voran gestellt ist, ist einzige Rettung dieses imperialen Theaters, die man noch schnell mit den Worten Paul Valérys kommentieren möchte: „So weiträumig das Schloß auch sein mag – immer kommen wir uns in diesen Galerien ein wenig verloren und verzweifelt vor, so allein gegenüber so viel Kunst! Da müssen wir schließlich erliegen. Wir werden oberflächlich.“

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Carl Gustav Jung, The red Book, Foto: Biennale von Venedig

Bemerkenswert ist dann bei dieser Biennale, dass auch in einigen der Länderpavillons der ethnologisierende Zugriff sichtbar wird und sich als eine Art Mode erweist. Im britischen Pavillon hat der Künstler Jeremy Deller sich in die Rolle eines Magiers versetzt, der die Geschichte, Gegenwart und Zukunft seines Landes in einer mythologischen Dialektik aus Schöpfung und Zerstörung – beispielsweise in den Bildern des in Flammen aufgehenden Bankensystems – inszeniert. Stefanos Tsivopoulos erwidert im griechischen Pavillon auf die Krise des Geldes mit einem lexikalischen Verweis auf vielerlei Formen von Währung, während seine filmische Arbeit die Kreisläufe des Kapitals zwischen Arm und Reich ins Absurde führt. Der Pavillon von Angola, das in diesem Jahr zum ersten Mal teilnimmt, bezieht sich explizit auf die kuratorische Behauptung Gionis. Die Installation Edson Chagas‘ mit fotografischen Bildern der subsaharischen Stadt Luanda begreift sich als Spurensuche einer urbanen Enzyklopädie, re-installiert in einem venezianischen Palast mit mittelalterlichen Altarbildern, wofür der Goldene Löwe verliehen wurde. Der deutsche Pavillon, kuratiert von Susanne Gaensheimer, hat wieder einmal vorbildlich seine Hausaufgaben gemacht. Zuerst wurde mit den Franzosen das Gebäude getauscht, dann mit Arbeiten von Romuald Karmaker, Santu Mofokeng, Dayanita Singh und Ai Weiwei pariert, die sämtlich keinen deutschen Pass haben, aber zum nationalen kulturellen Mehrwert beitragen. Auch im schweizerischen Pavillon hält man Vorstellungen nationaler Identität in der Schwebe; der international erfolgreiche Bildhauer Valentin Carron hat auf Bilder seiner Heimat Wallis zurückgegriffen. Die durch den Raum schwebende modernistische Linie ist eine zweiköpfige Schlange, und gibt ein passendes Bild für die von Valéry, übrigens zeitgleich zu Weber, formulierte Haltung der Ambivalenz, die auch die diesjährige Biennale bei aller Erregung hinterlässt.

Venedig Biennale. Bis 24. November 2013.




Biennale von Venedig