01/07/13

Moralische Avantgarde

Alles eine Frage der Haltung: Make active choices im Museum für Neue Kunst Freiburg.

von Annette Hoffmann
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Jimmie Durham, Smashing, 2004, Videostill, © Jimmie Durham

Alles eine Frage der Haltung: Make active choices im Museum für Neue Kunst Freiburg

 

Ganz so einfach, wie es Joseph Beuys‘ Stromkreislauf von einer gelben Glühbirne und einer Zitrone suggeriert, ist es dann doch nicht mit der Ökologie und der Kunst. Wobei auch Beuys‘ „Capri Batterie“ durchaus ein Fall der Autosugges­tion ist. Der Ausstellungstitel der Freiburger Schau „Make active choices. Kunst und Ökologie: wie tun?“ sieht die Künstlerinnen und Künstler weniger in der Rolle einer ästhetischen, denn einer moralischen Avantgarde. Ein Rundgang durch das Museum für Neue Kunst zeigt jedoch, dass es weniger um Handlungsräume – wie etwa 2008 in der Ausstellung „Ökomedien“ im Basler plug.in geht –,  sondern um Haltungen. Und diese werden trotz des appellativen Charakters des Titels mit viel Sinn für das Utopische, Humor und das eigene Scheitern inszeniert.

Da macht sich etwa der britische Designer Thomas Thwaites zum Sklaven seiner Idee, einen Toaster, den er für knapp vier Pfund im Handel erstanden hatte, im Do-it-Yourself-Verfahren nachzubauen. So ein Röstgerät hat natürlich überraschend viele Einzelteile, die aus umständlich zu produzierenden Materialien bestehen. Auf einem Podest sind neben einer Mikrowelle mehrere Utensilien zur Herstellung von Plastik und auch ein roh belassener Prototyp zu sehen, der es schwer haben wird, sich gegen die Funktionalität und das Design von industrieller Ware zu behaupten. Im Video kann man Thwaites dabei beobachten, wie er sich in einem Steinbruch abmüht oder eine zäh fließende Masse in eine Negativform aus Holz schüttet, die er mit seinem eigenen Gewicht beschwert, um am Ende doch nur ein verunglücktes Etwas aus dem Model herauszuholen. Werden wir unabhängig von der Industrie, wenn jedes Alltagsgerät zum zeitraubenden Projekt wird und wollen wir uns wirklich zum Handlanger der eigenen Überzeugungen machen? Mit Hintersinn zeigt Thwaites einen Weg auf, der zu industriellem Handwerk führt, aber Arbeit auch jeglicher Form sozialer Organisation entkleidet.

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Mika Rottenberg, Felicia from Tropical Breeze, 2004, courtesy Nicole Klagsbrun Rosen Gallery, New York

Gleich ganz in die Wüste ist der Designer Markus Kayser gegangen, um dort mit einem rudimentären 3-D-Drucker, Sand und Sonnenenergie eine Skulptur und eine Schale herzustellen, indem Hitze den quarzhaltigen Sand in Glas verwandelt. Sieht man von dem Echtwald-Projekt von Thomas Grässlin und Nanette Hagstotz ab, für das international bekannte Künstler wie Tue Greenfort und Tobias Rehberger architektonische Modelle beigetragen haben, ist in der Freiburger Schau überraschend wenig Aktionistisches zu sehen. Mika Rottenberg etwa führt in ihrem Video „Tropical Breeze“ arbeitsteilige Prozesse vor, in denen der Mensch selbst zur Ressource wird. Die beiden Frauen ihres Videos produzieren Erfrischungstücher, die mit dem Schweiß einer dunkelhäutigen, korpulenten LKW-Fahrerin getränkt sind. Jimmie Durham hingegen zerschlägt an einem Schreibtisch sitzend mit einem Stein verschiedene Konsumgüter, für deren Entsorgung er Urkunden ausstellt. Der Weg zurück ist mit Effizienz gepaart.        

 

Make active choices.

Museum für Neue Kunst.

Marienstr. 10a, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 8. September 2013.

 

 




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